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Das Erbe der Babenberger 311
Eine weitere verschollene Spur ottokarischer Bau -
kunst mit Zusammenhängen zwischen Österreich ,
Böhmen und Frankreich ist an einem kleinen
Raumabschnitt im Zisterzienserkloster Zwettl fest-
zustellen : Für 1274 verzeichnet das Zwettler Stif-
tungenbuch eine Zuwendung des schon im Zusam-
menhang mit seiner Familiengruft in Heiligenkreuz
genannten Gefolgsmannes von König Ottokar ,
Paltram von Wien , ad perficiendam carnarium iuxta
infirmitorium monachorum1049. Es handelt sich um
einen achteckigen Raum mit einer polygonalen Mit-
telstütze , die ein sternförmig aus Rippendreistrah-
len gebildetes Schirmgewölbe trägt ( Abb. 166 ). Die
Gewölberippen besitzen gleichen Querschnitt wie
jene der Kremser Dominikanerkirche ( vor 1265 ).
Der Zwettler Karner hat in der um 1275 entstandenen Krypta der Stephanskir-
che in Kouřim ein unmittelbares Pendant ; bei gleicher Grundrissform und Ge-
wölbeausbildung ist in Kouřim allerdings die Mittelstütze aufwendiger als kan-
tonierter Pfeiler mit naturalistisch gebildetem Laubwerkkapitellfries gestaltet1050.
Erich Bachmann hat jedoch überzeugend darauf hingewiesen , dass der Grundriss
der Stephanskirche von Kouřim mit ihrem gestaffelt dreischiffigen Chor eine wei-
tere Bezugnahme der böhmischen Architektur auf das Vorbild der Stiftskirche
Saint-Urbain in Troyes darstellt1051. Wieder sind die gleichen architekturhistori-
schen Schlussfolgerungen zu ziehen , wie in Bezug auf den Hallenchor von Heili-
genkreuz : Die ottokarische Architektur holte sich ihre Anregungen aus der sozial
höchstrangigen aktuellen Baukunst Frankreichs , wie von der päpstlichen Stifts-
kirche in Troyes , doch wurden diese Elemente keineswegs getreu kopiert , sondern
sehr unabhängig abgewandelt. Gerade die in Kouřim und im Karner von Zwettl
formulierten Schirmgewölbe erscheinen wie ein Vorgriff auf eine lebhafte Wei-
terentwicklung dieses Motivs in der spätgotischen Architektur Mitteleuropas1052.
Aufgrund jüngster Ausgrabungen ist anzunehmen , dass das Westportal der
Klosterkirche von Kleinmariazell ( Abb. 167 ) zwischen 1252 und 1256 , also in den
ersten Jahren der Herrschaft Ottokars II. in Österreich , errichtet wurde , nach-
dem das Kloster Brandschatzungen durch die Ungarn erlitten hatte und restau-
Abb.
166 : Ossarium des Karners im Zisterzienserstift Zwettl
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur