Page - 353 - in Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
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353Spätottokarisch
oder frühhabsburgisch ?
Im Hallenchor von Heiligenkreuz bewirkte die Anwendung der fünfteiligen , an
den Eckjochen sechsteiligen , Gewölbe eine Steigerung der Tendenz zur Wand-
auflösung. Anstatt in die Mitte des Fensterwandfeldes ein einziges Spitzbogen-
fenster zu setzen , konnte man links und rechts von der auf einem Dienst auf-
sitzenden Mittelrippe an der Fensterwand in jedem Joch zwei Spitzbogenfenster
anordnen. Die höher als bei einem vierteiligen Gewölbe ansetzenden Scheitel der
fünfteiligen Gewölbe erlaubten es auch , die Fensteröffnungen weiter emporzu-
führen. Damit wurde eine gesteigerte Durchfensterung und eine größere Licht-
fülle im Inneren des Chors erreicht ( Abb. 200 a , 200 b ). Der Hallenchor weist
als quadratischer Vierstützenbau außerdem eine Zentralbautendenz auf. Die Ge-
wölbeträger bilden gleichsam einen zentralen Baldachin , der vom hallenförmigen
Chorumgang , zugleich aber auch von einem durch die großen Fensteröffnun-
gen bewirkten Lichtmantel umgeben wird. Zur Hervorhebung der Mittelachse
gestaltete man das mittlere Fensterwandfeld an der Ostseite abweichend : Hier ,
und nur in diesem Joch , erhielt der Chor ein axial gesetztes , breites Einzelfenster
( Abb. 201 ). Mit der Gestaltung des Chorbaus wurde aber auch ein Gestaltungs-
konzept vollendet , das im Ansatz bereits in dem mehr als hundert Jahre älte-
ren Langhaus vorgegeben worden war : Es durchziehen ausnahmslos vierteilige
Kreuzrippengewölbe das Mittelschiff von Langhaus und Chor sowie das Quer-
haus und bilden solcherart ein großes lateinisches Kreuz aus gleich figurierten ,
aneinandergereihten Jochen.
Am Außenbau bewirken die fünfteiligen bzw. sechsteiligen Gewölbe der Fens-
terwandjoche eine neuartige Rhythmisierung der Fassaden im Wechsel von stär-
keren Strebepfeilern an den Jochgrenzen und zarter dimensionierter Strebepfei-
ler an den Anlaufstellen der Unterteilungsrippen. Obwohl Renate Wagner-Rieger
den Chor von Heiligenkreuz auf den Grundtypus von Morimond – dem Mutter-
kloster von Heiligenkreuz – und die Entwicklungszwischenstufe des Umgangs-
hallenchors von Lilienfeld zurückführt1202 , erscheint in Heiligenkreuz doch ein
gewaltiger Schritt in ganz neue Dimensionen vollzogen. Eine überzeugende Ab-
leitung des Hallenchors von Heiligenkreuz ist bis heute noch nicht vorgelegt wor-
den. Dies liegt vor allem daran , dass die Datierung nach jüngsten Erkenntnissen
doch um Jahrzehnte früher anzusetzen ist als in der älteren Literatur , sodass nach
weitaus älteren Quellen und Stilvorbildern gesucht werden muss. Eine wichtige
Entwicklungslinie ist zweifellos über frühe böhmische Hallenlanghäuser , wie der
Prämonstratenserkirche in Tepl von 1232 , der Dominikanerkirche in Iglau in ih-
rem ersten Planungsstadium oder des Doms von Olmütz ( vor 1267 ) , zu erken-
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur