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363Spätottokarisch
oder frühhabsburgisch ?
Österreich angeschlossen. Daraus leitete das
Bistum Passau einen Anspruch auf die Pfar-
re von Wiener Neustadt ab , da das übrige
Herzogtum Österreich , zu dem Wiener Neu-
stadt nunmehr gehörte , der Diözese Passau
unterstand. 1256 wurde jedoch dem Passauer
Domdechant Albert von Beham , der sich als
Eigenkirchenherr der Liebfrauenkirche von
Wiener Neustadt bezeichnete , diese Kirche
entzogen und wieder Salzburg unterstellt.
1268 betrieb König Ottokar II. Přemysl bei
Papst Clemens IV. das Vorhaben , Olmütz zur
neuen Metropole für seine gesamten Länder
zu erheben und dieser auch alle künftig noch
zu gründenden Bistümer zu unterstellen. Ei-
nes dieser projektierten Suffraganbistümer
von Olmütz scheint in Wiener Neustadt ge-
plant gewesen zu sein , für dessen Domkapitel
der aufwendige Chorneubau dienen sollte1232.
Neben den Sitznischen für die Mitglieder des
Domkapitels dürfte der quadratische , mit ei-
nem achtteiligen Sternrippengewölbe verse-
hene Nebenraum an der Nordseite des Chors
für die Funktion eines Kapitelsaals vorgese-
hen gewesen sein.
Wie so oft in der österreichischen Geschichte des 12. und 13. Jahrhunderts zer-
schlug sich auch dieser Reformplan für das Diözesansystem wegen des Reformun-
willens der Kurie und der zeitlich begrenzten Machtverhältnisse der zu Reformen
entschlossenen weltlichen Fürsten. Als 1279 eine Weihe der Liebfrauenkirche zu
Wiener Neustadt erfolgte , war der Chorneubau vielleicht noch gar nicht voll-
endet , Ottokar dagegen bereits tot. Wie Kirchenhistoriker meinen , erfolgte der
Weiheakt zur ausdrücklichen Bekräftigung der Eigenkirchenrechte des Salzbur-
ger Erzbischofs über die Pfarre Wiener Neustadt. Die Kirche erhielt dabei ein
Doppelpatrozinium : Neben Maria wurde nun auch der Salzburger Diözesanpat-
ron Rupert zum Titelheiligen der Kirche erhoben. Vollzogen wurde die Konsekra-
tion durch den Salzburger Suffraganbischof Johannes von Chiemsee1233.
Abb.
207 a und b : Freigelegte Sedilien im Chor der
„Liebfrauenkirche“ in Wiener Neustadt , Ansicht und
Plandarstellung
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur