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Die Bautätigkeit unter Rudolf I. und Albrecht I. von
Habsburg386
seltene , altertümliche Gestaltungsform. Die Arkadenmau-
ern sind auffallend breit und massiv , die Schiffe verhältnis-
mäßig niedrig1275.
Nach außen öffnen sich nur schmale Spitzbogenfenster ,
neben denen große geschlossene Mauerflächen dominieren.
Das äußere Erscheinungsbild ist geradezu als Antithese zur
maximalen Wandauflösung des Chors von Heiligenkreuz
oder der Grazer Leechkirche zu bewerten. Die über den Sei-
tenschiffen in Erscheinung tretenden Strebebögen ähneln
der erstmaligen Anwendung dieses bautechnischen Prinzips
in Österreich am Chor von Lilienfeld ( vor 1217 ). Das Gestal-
tungselement des Querschiffs mit quadratischen Jochen ging
auf mehr als hundert Jahre alte Vorbilder , wie die Stiftskir-
che von Klosterneuburg oder die Wiener Schottenkirche , zu-
rück und war in dieser Form zuletzt bei der Wiener Michae-
lerkirche angewandt worden. Ein Querschiff aus dem letzten
Viertel des 13. Jahrhunderts in Wiener Neustadt zeigt dagegen
schon wesentlich steilere Proportionen und eine stärker beton-
te Längserstreckung.
Günter Brucher meinte , wie zuvor schon Johannes Graus ,
die Pfarrkirche von Murau von der Dominikanerkirche Friesach ableiten zu kön-
nen1276. Der quadratische Chor von Murau unterscheidet sich jedoch ganz we-
sentlich vom dreijochigen Langchor der Friesacher Anlage. Es ist dagegen in Be-
tracht zu ziehen , dass die geradezu übertrieben massive Ausführung dieses Baus ,
die fast als Anachronismus anzusprechen ist , aus Angst vor neuerlichen Erdbeben
gewählt wurde , deren schreckliche Auswirkungen ja zur Zeit der Erbauung noch
in allgemeiner Erinnerung gewesen sein müssen. So wie in Lilienfeld eine Ein-
sturzkatastrophe ein Überdenken der statischen Konzeption im Bereich des Chors
bewirkt hatte und in Ardagger angesichts der abrutschgefährdeten Hanglage der
bestehenden Kirche der Chorneubau von 1224 übervorsichtig abgesichert wurde ,
wäre auch in Murau an Auswirkungen baustatischer Überlegungen für die Aus-
führung des Pfarrkirchenneubaus zu denken.
Abb.
222 : Rekonstruktion der ehem.
„Liechtenstein Kapelle“ im Stift
Seckau , Aufrissschnitt und Grundriss
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur