Page - 389 - in Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
Image of the Page - 389 -
Text of the Page - 389 -
Die Jahrhundertwende. Rückblick und Ausblick 389
den Eigenkirchen des Passauer Bistums in Österreich in ihrem Erscheinungsbild
zu aktualisieren. Im Einsatz einzelner fortschrittlicher Groß- und Detailformen ,
wie der Einwölbung in durchlaufenden Travées oder dem Einsatz von kantonierten
Pfeilern ( St. Pölten ) beziehungsweise von En délit Diensten ( Ardagger ) , konnten
auch die Passauer Bischöfe von jenen architektursprachlichen Codes Gebrauch
machen , die in dieser Zeit Aktualität signalisierten.
Signalwirkung hatte zweifellos der Bau der Wiener Hofburg in Form einer
viertürmigen Kastellburg. Auch bei diesem Typus handelt es sich um das Ak-
tuellste , das Ende der dreißiger-Jahre im Wehrbau und in der fürstlichen Re-
präsentationsarchitektur zur Auswahl stand. Vorbild waren die Bauten Kaiser
Friedrichs II. , welche dieser als König von Sizilien in jenen Jahren errichten ließ ,
und in der Wiener Burg wurde dieser Typus zum ersten Mal nördlich der Alpen
wiederholt. Zweifellos hatte der Kaiser die strategische Bedeutung der österrei-
chischen Länder erkannt und suchte aus machtpolitischem Kalkül sich direkten
Einfluss auf diese Gebiete zu sichern. Unerwartet wurde der letzte Babenberger-
herzog Friedrich der Streitbare nach seiner Aussöhnung mit dem Kaiser zu dessen
Bündnisgenossen und scheint den Bau der Wiener Kastellburg ebenso wie die
aufwändige Umgestaltung der Wiener Stephanskirche wenn nicht als Kaiserdom
so doch als künftige Königskathedrale zu seinem eigenen Anliegen gemacht zu
haben. Auch eine ganze Reihe weiterer Kastellburgen an der Grenze zu Ungarn
wurde nach dem Muster des kettenartig strukturierten Burgensystems in Süd-
italien in dieser Zeit errichtet , und bestehende Stadtbefestigungen wurden nach
staufischem Vorbild mit repräsentativen Torbauten ausgestattet. Demonstrativ
wurde die normannische Stilmode in großen und kleinen Bauvorhaben mit über-
reich dekorierten Portalen vorgetragen , um die Macht des Kaisers und des mit
ihm verbündeten designierten Königs von Österreich zu demonstrieren. Bemer-
kenswert rasch aber verschwand diese Architekturmode in Mitteleuropa mit dem
Ende der Staufer , während sie in Sizilien im Stile Chiaramonte noch über ein
Jahrhundert länger Bestand haben sollte.
Eine Welle neuer Impulse erhielt die Baukunst in Österreich unter Ottokar II.
Přemysl. Dessen Hofkunst war ebenso wie einst die der Babenberger von fran-
zösischem Einfluss gekennzeichnet. Nun war es der Hof König Ludwigs IX. , der
zum Vorbild diente. Mit den spezifischen Architekturformen der von Ottokar be-
sonders geförderten Bettelorden lösten rational bestimmte Gestaltungsprinzipien
die vorausgegangene Repräsentationsform der Schmuckfreude ab. An Neuerun-
gen brachte die Mendikantenarchitektur den Bautypus des Langchors , der , zu-
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur