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Die Jahrhundertwende. Rückblick und Ausblick 391
Schmidt überzeugend der sogenannten Herzogswerkstatt , einer im gesamteuropäi-
schen Umfeld hervorragenden Künstlergruppe , zugeschrieben1279. Damit war das
Motiv der Anbringung eines Statuenzyklus im Inneren eines Kirchenraums auf-
gegriffen worden , das ein halbes Jahrhundert zuvor im Milieu der französischen
Hofkunst , in den Figuren der Sainte-Chapelle in Paris , entstanden war1280. Die
ikonologische Thematik der Figuren in St. Stephan stellte im Nordchor einen Ma-
rienzyklus dar , im Hauptchor galt sie den Vierzehn Nothelfern , im Südchor den
Zwölf Aposteln. Mit den Figurenprogrammen waren auch die Funktionen der
Schiffe des Hallenchors bezeichnet , die untereinander gleich hoch , aber durch
verstärkte Scheidbogenrippen axial optisch voneinander gesondert waren : Der
Frauenchor im Norden diente den Pfarrfunktionen , der Apostelchor im Süden
war als künftige Fürstengrablege bestimmt. Der Hauptchor , der dem Kirchenpa-
tron St. Stephanus geweiht war , sollte einem Kapitel von Kanonikern dienen , das
zur Vorbereitung eines künftigen Domkapitels für den Fall einer Bistumserrich-
tung gegründet wurde. Mit den Habsburgern war nämlich das schon über 150 Jah-
re alte Projekt der Konstituierung eines österreichischen Landesbistums erneut
akut geworden. Unter Albrecht I. als deutschem König , der Wien im Zentrum sei-
ner Hausmacht als Residenzstadt gewählt hatte , war zum ersten Mal seit den Ba-
benbergern wieder das Interesse erwacht , St. Stephan , die Hauptkirche der Stadt ,
zur Königskathedrale auszubauen. Sogleich entstand wieder erbitterter Streit mit
Passau um das Recht der Einsetzung des Pfarrers zu St. Stephan , welches nun
von Albrecht I. beansprucht wurde. Erst 1323 , nachdem ein Enkel Rudolfs I. von
Habsburg den Passauer Bischofsthron bestiegen hatte , ließ sich der Streit beile-
gen. Zu erkennen ist jedenfalls , dass die im Fall des Hallenchors von Heiligen-
kreuz ( 1295 ) noch in Form der Aneignung von bereits Bestehendem auftretende
Stifterrolle Albrechts I. schon innerhalb von nur zehn Jahren zu einer grundle-
gend neuen Bauinitiative an der Wiener Stephanskirche führte , die sowohl dynas-
tiebezogen als auch kirchenpolitisch vielversprechende Aussichten eröffnete und
dem Kunstschaffen auf dem Gebiet der Architektur wie auch der Figuralplastik
und der Glasmalerei höchste Impulse geben sollte.
Eine neue Rolle erhielt auch die Wiener Hofburg , nunmehr königliche und
landesfürstliche Hausmachtresidenz der Habsburger. Im Jahr 1327 stiftete Her-
zog Friedrich der Schöne , der Sohn König Albrechts I. , unmittelbar neben der
Hofburg das Areal zur Errichtung eines Klosters der Augustiner-Eremiten , und
1330 wurde der Grundstein der Kirche gelegt. Obwohl die Augustinerkirche erst
im 15. Jahrhundert den Titel einer Hofpfarrkirche erhielt , ist der enge Zusam-
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur