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M2 Die erste Ersteigung des Großveuediger«
Gesellschaft die Worte aussprach: „sie gehen vielleicht dem Tode, der
ihrer in Gletscherspalten harrt", entgegen.
Um halb 8 Uhr setzte sich auch die übrige Gesellschaft in Be-
wegung. Wir mußten nach der Angabe der Führer die Spitze ganz
umgehen, so daß wir zuerst östlich unter dem erwähnten sich links an
den Großvenediger anschließenden Eisrücken allmälich aufwärts und bis
dorthin vorzudringen hatten, wo sich der untere Sulzbachvenediger über
dem hier in das untere Sulzbachthal abfallenden Gletscher erhebt und
durch seine Lage von Süden nach Norden mit dem von Osten nach
Westen laufenden und den Gletscher südlich begrenzenden Rücken, der,
wie bemerkt, sich mit dem Großvenediger selbst vereinigt den südöst-
lichen Gletscherwinkel bildet.
Anfangs hielten wir uns ziemlich nahe beisammen. Als wir
aber sahen, daß die Sonne den Schnee fast von Viertelstunde zu
Viertelstunde mehr erweichte, wodurch die Beschwerde des Aufsteigens
mit jedem Augenblicke größer wurde, weil wir bereits oft tief einsan-
ten, wodurch aber auch die Gefahr wuchs, weil mit der Erweichung
des Schnees auch sein Durchbrechen bis zu der Stelle, wo er die
Gletscherklüfte bedeckte und damit der Sturz in dieselben selbst leichter
möglich war, da suchte jeder mit thunlichster Schnelligkeit der Spitze
nahe zu kommen und der allgemeine Wunsch war der, daß doch wenig-
stens Einer die Spitze erreichen möge, damit nicht das ganze Unter-
nehmen ein vollständig verunglücktes sei. So drangen wir alle nach
Kräften vor und wir konnten es auch thun, ohne uns dadurch zu großer
Gefahr auszusetzen, weil wir die einzuschlagende Richtung aus den im
Schnee stets sichtbaren Tritten der vorausgegangenen Kundschafter ent-
nehmen konnten und der weiche Schnee ein Ausgleiten und Hinabführen
über den Abhang in die Tiefe des Gletschers nicht besorgen ließ, ab-
gesehen davon, daß dies selbst wieder nicht sehr gefährlich gewesen Ware,
da die Klüfte, in die man sonst beim Hinabgleiten über die schiefe Ebene
oder auf dem Eisfeldc hätte gerathen können, auch so sehr mit Schnee
bedeckt waren, daß ein Einbrechen bis zu ihnen nicht wohl denkbar war.
Allein schon hatten nicht mehr Alle dieselbe Hoffnung die Spitze zu
erreichen.
Berg- und Gletscher-Reisen in den österreichischen Hochalpen
- Title
- Berg- und Gletscher-Reisen in den österreichischen Hochalpen
- Author
- Anton von Ruthner
- Publisher
- Carl Gerold's Sohn
- Location
- Wien
- Date
- 1864
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 11.8 x 19.2 cm
- Pages
- 440
- Keywords
- Alpen, Gebirge, Natur
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918