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458 Ueber den Gebrauch und Mißbrauch des Seils.
Ausglcitcn einer Person dic ganze Gesellschaft zum Sturz bringen
kann.^ Damit will ich übrigens nicht sagen, daß man sich auf
solchen Hängen nicht zusammenbinden sollte. Man gewinnt dadurch
ein größeres Vertrauen und vermehrt dadurch seine Sicherheit.
Fraglicher ist, ob Menschen solche Stellen überhaupt betreten sollen.
Wer auf einer Trevpe, die in einen Eishcmg eingehauen ist, auf
seinen Füßen zu bleiben vermag, der mag diese eigenthümliche Art
von Trepfte benutzen. Kann er das nicht, so thut er besser, von
solchen Plätzen fern zu bleiben.^
Ich glaube nun von dem Gebrauch des Seils genug gesagt
^ Wenn verschiedene Personen solche Stellen hinuntergehen, so kann natür-
lich der letzte Mann uum Geil keinen Nutzen ziehen und brauchte sich eigentlich
nicht anzubinden. Dies ist zum Theil der Grund, weshalb man den stärksten
und festesten Mann hinten gehen laßt. Obgleich man dies keine unnütze Vor-
sicht nennen darf, würde sie doch keinen Sinn haben, wenn es richtig ist, daß
ein einziges Ausgleiten die ganze Gesellschaft zum Stnrz bringen muß, Ner
beste Plan, den ich kenne, ist der, welchen wir beim Herab steigen Uum C«l
Dlllent befolgten, nämlich einen Mann voran gehen zu lassen, bis er einen
sicheren Puntt erreicht. Dort bindet er sich los, das Seil wird herausgezogen,
ein Zweiter steigt zu ihm hinunter, und so geht es fort bis zum Letzten.
Dieser Letzte hat den schwierigsten Posten und muß der tüchtigste Mann sein,
aber er läuft nicht die Gefahr, daß seine Gefährten ausgleiten, und diese
ziehen das Seil natürlich an sich, wahrend er heruntersteigt, so daß seine Lage
sicherer ist, als wenn er allein sich selbst überlassen bliebe,
** Hinsichtlich dieses Gegenstandes uerweise ich auf Seite 188. Nimmt
Jemand an einem Unternehmen Theil und sieht dasselbe so schwierig werden,
daß er sein Gleichgewicht nur mit großer Mühe behaupten kann, so soll er
sich sofort zurückziehen, um nicht das Leben Anderer in Gefahr zu bringen.
Ich weiß recht gut, daß der Rücktritt eiuer Person ans solchen Gründen ge-
wöhnlich die Umkehr eines Zweiten zur Folge haben und manches Unterneh-
men daran scheitern würde. Mit dieser Furcht uur den Augen gehen manche
Leute weiter, obgleich sie recht gut wissen, daß sie es eigentlich nicht thun
sollten. Sie wollen ihren Gefährten den Spaß nicht verderben, aber häufig
leiden sie Seelenqualen, ihre Standhnftigteit wird dadurch erschüttert und leicht
tritt etwas Schlimmeres ein als das Aufgeben eines Ausflugs. Die Moral
ist, nimm genug Führer mit.
Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen in den Jahren 1860 bis 1869
- Title
- Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen in den Jahren 1860 bis 1869
- Author
- Edward Whympers (Friedrich Steger)
- Publisher
- George Westermann
- Location
- Braunschweig
- Date
- 1892
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 12.2 x 18.4 cm
- Pages
- 490
- Keywords
- Alpen, Gebirge, Natur
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918