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Linguistic Landscapes auf Postkarten | 49
(worauf noch einzugehen sein wird); ein Grundimpuls der Debatte bleibt jeden-
falls, die Sichtbarkeit von Sprachen im öffentlichen Raum nicht als Reflex von
faktischen Bevölkerungsverteilungen, sondern als Elemente einer Aushandlung
sozialer Beziehungen zu verstehen.11
Inwiefern nun sind die Begrifflichkeiten der LL auf das Medium Postkarte
anwendbar? Argumentiert werden soll hier, dass Postkarten ab dem ausgehenden
19. Jahrhundert eine semi-öffentliche Qualität zukam. Als offen versendbare
Kurznachrichtenträger waren sie – und das macht sie anschlussfähig für diese De-
batte – auf eine neue Weise sichtbar im gesellschaftlichen Verkehr, ja, erweiterten
gewissermaßen den öffentlichen Raum und prägten damit seine ‚linguistische
Landschaft‘ mit. 12 So kamen über die fotografischen Abbildungen auf Postkarten
einerseits visuelle Repräsentationen des öffentlichen Raums in Umlauf, und damit
manchmal auch Schriftzeichen – zum Beispiel Aufschriften auf Bahnhöfen oder
Schulen, Geschäften oder Gastwirtschaften, was uns heute punktuelle Einblicke
in die Präsenz von unterschiedlichen Sprachen in konkreten historischen Settings
geben kann (Abb. 2). Andererseits waren es Elemente des Layouts der Karten –
wie Vordrucke, Grußformeln, und insbesondere aufgedruckte Ortsnamen, die nun
Sprachen auf eine neue Weise sichtbar machten. Und auch die Insignien postali-
scher Verschickung, Briefmarken und Poststempel, verfügten über eine spezifisch
sprachliche Ebene. Diese unterschiedlichen Sprachzeichen auf Postkarten traten
nun gewissermaßen in ein Verhältnis zu den anderen Aufschriften im öffentlichen
Raum – und brachten dieses Verhältnis durchaus in Bewegung.
Peter Backhaus, Linguistic Landscapes: A Comparative Study of Urban Multilingual-
ism in Tokyo. Clevedon 2007, S.66.
11 David Malinowski bezeichnet die LL als ein „new sociolinguistics subfield that has
treated the language on signs as an independent variable mediating social relations“.
David Malinowski, „Authorship in the Linguisitic Landscape. A Multimodal-Performa-
tive View”, in: Elana Shohamy, Durk Gorter (Hg.), Linguistic Landscape. Expanding
the Scenery, New York 2009, S. 107-125, hier S. 108.
12 Zur Offenheit des neuen Kurznachrichtenträgers und ihren gesellschaftspolitischen Im-
plikationen vgl. besonders Felix Axster, Koloniales Spektakel in 9x14. Bildpostkarten
im Deutschen Kaiserreich, Bielefeld 2014 (=Post_koloniale Medienwissenschaft,
Bd.2), S. 60ff.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen