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Linguistic Landscapes auf Postkarten | 53
Methodisch wurde dafür vor allem ein quantitativer Ansatz wichtig, der sich für
die geografische Verteilung und territoriale Präsenz von Sprachzeichen im öffent-
lichen Raum interessierte – indem Daten gesammelt, gezählt und verglichen wur-
den. Die Dominanz einer Sprache über andere (in der Häufigkeit ihres Vorkom-
mens oder der Prominenz ihres Gezeigtwerdens) zeige demnach die relative de-
mographische und institutionelle Macht einer ethnolingualen Gruppe über eine
andere an.20
Auch wenn dieser Ansatz nach wie vor wesentliche Analysetools liefert, hat
sich doch auch Kritik daran formiert. Insbesondere wurde angemerkt, dass dem
Zählen und Einander-Gegenüberstellen die Tendenz innewohne, sich die dahinter
stehenden Sprachgruppen als mehr oder weniger homogene Entitäten vorzustel-
len. In der Tat sei den frühen Arbeiten im Feld der LL ein modernistisches Ver-
ständnis von Sprache eingeschrieben: “languages and language groups are cons-
trued as more or less isolated entities that can enter ‚in conflict‘ with each other”.21
Die Tendenz, konflikthafte Konstellationen zwischen in ihrer (Sprach-)Identität
festgelegten, homogenen Gruppen vorauszusetzen, ist insbesondere auch in der
Übertragung auf historische Gesellschaften problematisch.22 Neuere Ansätze stel-
len die direkte Verbindung zwischen Sprache und „Ethnizität“ in Frage und prob-
lematisieren die Vorstellung einer Kongruenz vom Gebrauch einer Sprache durch
genau eine, distinkte Sprachgruppe – eine Vorstellung, die auch als „ethnolingu-
istic assumption“ bezeichnet wird.23
Kritisch wurde daher auch die Annahme diskutiert, die Menge und Häufigkeit
des Vorkommens einer Sprache im öffentlichen Raum sei ein direkter Indikator
ihrer von Landry und Bourhis so benannten „ethnolingualen Vitalität“.24 Statt auf
20 Jaworski/Thurlow, „Introducing Semiotic Landscapes”, S. 8.
21 Van Mensel/Vandenbroucke/Blackwood, „Linguistic Landscapes”, S. 425. Auch der so
genannte Gründungstext der LL von Landry und Bourhis wird von den Autor/innen
kritisch hinterfragt, insofern auch hier Vorstellungen von mehr oder minder homogenen
Gruppen von Sprachnutzern wirksam seien, deren „ethnolinguistic vitality“ sich in der
Präsenz ihrer Sprache im öffentlichen Raum widerspiegle.
22 Zur Problematisierung der Vorstellung homogener sprachlich-ethnischer Gruppen vgl.
z.B. Johannes Feichtinger, „Der Wille zum Unterschied. Die erstaunliche Karriere des
Begriffs Ethnizität“, Herbert Justnik (Hg.), Gestellt. Fotografie als Werkzeug in der
Habsburger Monarchie, Wien 2014 (=Ausstellungskatalog Museum für Volkskunde
Wien), S. 51-56.
23 Van Mensel/Vandenbroucke/Blackwood, „Linguistic Landscapes”, S. 428.
24 Adam Jaworski, Crispin Thurlow, „Introducing Semiotic Landscapes”, S. 8: „[…] the
degree of prominence of a language is not necessarily the most accurate indicator of the
ethnolinguistic vitality of its speakers”.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen