Page - 66 - in Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Image of the Page - 66 -
Text of the Page - 66 -
66 | Eva Tropper
Wer verwendet ein- und mehrsprachige Postkarten – und warum?
Konflikt und „national indifference“59 aus Sicht der LL
Quantifizierende Ansätze bedürfen insbesondere auch des Korrektivs, den zweiten
Aspekt innerhalb der ‚Objektbiografie‘ von Postkarten zu berücksichtigen, näm-
lich die Frage, wer sie verwendet, beschrieben und verschickt hat. Wer kommt als
Konsument dieser Karten jeweils in Frage, wer sind intendierte – und tatsächliche
– Käuferschichten? Und in welcher Relation steht die Sprache des Aufdrucktextes
zu jener der Mitteilung, wer hat also welche Aufdrucktexte ausgesucht und ver-
schickt? Wenn wir Postkarten aus der Untersteiermark/Spodnja Štajerska betrach-
ten, so wird schnell deutlich, dass hier durchaus keine Frontstellungen zwischen
homogenen Sprachgruppen zu verzeichnen sind. Keineswegs sind deutsch be-
druckte Karten ausschließlich von deutsch Schreibenden und slowenisch be-
druckte Karten vor allem von slowenisch Schreibenden ausgewählt und verwendet
worden.60 Das verweist darauf, dass – bei aller in bestimmten Milieus bereits herr-
schenden Feindseligkeit – der Aufdrucktext einer Postkarte durchaus nicht flä-
chendeckend als ‚national‘ zu verstehende Rahmung verstanden wurde.
In der Untersteiermark handelte es sich um 1900 in der Tat noch um keine
gleichmäßig ‚nationalisierte‘ Gesellschaft. Wie etwa auch in den Büchern des Au-
tors und Slawisten Martin Pollack deutlich wird, waren nationale Einstellungen
und Verhaltensmuster insbesondere bei den jeweiligen – städtischen ebenso wie
ländlichen – Eliten verbreitet, zu denen die Honoratioren, Beamten und Lehrer,
Ärzte, Juristen, Apotheker und Geistliche zählten. Demgegenüber stellt er ausge-
hend von Beobachtungen an seiner eigenen, aus Laško/Tüffer stammenden Fami-
lie etwa eine deutliche Gender-Differenz fest, insofern beispielsweise die weibli-
chen Familienangehörigen in weitaus geringerem Maß ‚nationalisiert‘ waren.61
Sie heirateten zum Teil in slawische, zum Teil jüdische Familien ein und schlugen
damit Lebenswege abseits einer eindeutig nationalen Identifizierung ein, während
ihre Brüder, im Gymnasium von Celje/Cilli sozialisiert, später der Burschenschaft
‚Germania‘ in Graz beitraten und ihre zutiefst deutschnationale Gesinnung ein Le-
ben lang nicht ablegten. Wäre es den Brüdern Bast ganz sicher nicht passiert, aus
Zufall oder Mangel an Alternativen eine slowenisch bedruckte Postkarte von
Laško/Tüffer zu versenden, so finden wir sehr wohl Postkarten, in denen auf
59 Pieter M. Judson, Guardians of the Nation. Activists on the Language Frontiers of Im-
perial Austria, Cambridge, Mass./London 2006, S. 6.
60 Vgl. dazu auch den Beitrag von Tjaša Jakop in diesem Band.
61 Vgl. dazu Martin Pollack, Die Frau ohne Grab. Bericht über meine Tante, Wien 2019,
ders.: Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater, Wien 2004.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen