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Der Quellenwert handschriftlicher Spuren auf Postkarten | 77
Solche handschriftlichen Botschaften auf Postkarten können eine wertvolle Quelle
für Historiker und Sprachwissenschaftler sein: Nicht nur durch die auf Postkarten
kommunizierten Inhalte, sondern oftmals vor allem durch den spezifischen
Sprachgebrauch bieten sie ungeschönte Einblicke in damalige Lebenswelten und
die Sprachpraxis zu Beginn des 20. Jahrhunderts.4 Auf Postkarten aus der Unter-
steiermark sind weniger die deutschsprachigen Handschriftentexte als vielmehr
die slowenischen von großem Erkenntniswert, vor allem für die diachrone Slowe-
nistik, da das Slowenische damals erst im Prozess der überregionalen Standardi-
sierung und Kodifizierung begriffen war.5 Aber auch Historikern ohne einschlägi-
ges Interesse an linguistischen Phänomenen seien die vordergründig ‚banalen‘ In-
dividualtexte auf Postkarten als Quelle empfohlen, anhand derer man Einblicke in
die Lebenswelten von Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten zu Be-
ginn des 20. Jahrhunderts gewinnen kann.
Gilt das hier Gesagte zwar grundsätzlich für Postkarten generell, so sind sie
für zwei- oder mehrsprachige Regionen, von denen es in der Habsburger Monar-
chie ja doch einige gab, nochmals interessanter, geben sie uns doch in großer
Quantität Aufschluss über den tatsächlichen Sprachgebrauch und das Zusammen-
leben von Angehörigen verschiedener Sprachgruppen in einer bestimmten Region
zu einer bestimmten Zeit. Welche Sprachen findet man wie häufig auf Postkarten
– welche in den Aufdrucktexten, welche in handschriftlichen Individualtexten?
Welche Sprache sieht man auch auf Bildern aus dem öffentlichen Raum? Welche
Anhaltspunkte geben uns handschriftliche Grußbotschaften auf Postkarten dar-
über, wie Sprache im Alltag verwendet wurde und wie sich mehrsprachige Men-
schen einmal dieser, einmal jener Sprache bedienten? Welche Sprache dominierte
den öffentlichen Raum? Lebten diverse sprachlich verschiedene ‚nationale‘ Grup-
pen hermetisch getrennt voneinander oder eben nicht?
Bern 2007, S. 30; David Barton, Nigel Hall (Hg.), Letter Writing as a Social Practice,
Amsterdam/Philadelphia 2000, S. 7.
4 Für die bulgarische Sprachentwicklung vgl. Sebastian Kempgen, „Postkarten als Quelle
zur bulgarischen Sprachgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, in: Slavisti-
sche Linguistik 2006/2007 (2009), S. 221-246.
5 Aus diesem Grund werden in diesem Beitrag auch vorwiegend slowenischsprachige
Postkartentexte besprochen. Vgl. dazu auch den Beitrag von Heinrich Pfandl in diesem
Sammelband, sowie: Heinrich Pfandl, „Razglednice Spodnje Štajerske kot vir informa-
cij o obdobju med letoma 1890 in 1918“, in: Aleksander Bjelčevič, Matija Ogrin u.a.
(Hg.), Rokopisi slovenskega slovstva od srednjega veka do moderne, Ljubljana 2017,
S. 197-210; Heinrich Pfandl, „‚Wie ist es bei den Slowenen lustig.‘ Slowenisches auf
topographischen Ansichtskarten des Kronlandes Steiermark 1890-1918“, Signal. Jah-
resschrift des Pavelhauses 2010/2011, S. 10-32
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen