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90 | Karin Almasy
morgen vielleicht, wenn du zur 11-Uhr-Messe in die deutsche Kirche kommst,
sehen. Wenn nicht, komme ich am Nachmittag nach Gaberje. Herzlichen
[Drucktext:] Gruß aus St. Peter im Sannthale [Drucktext Ende] Dein Lovro Če-
tina. Grüß mir alle zuhause!']
Auch anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass nationale Zugehörigkeiten für
die Menschen im Alltag oft wenig relevant waren. Die entscheidende Motivation,
diese Postkarte zu versenden, war offenbar, miteinander in Kontakt zu bleiben und
sich für den nächsten Tag zu verabreden. Anscheinend war es für die beiden Men-
schen, die hier miteinander auf Slowenisch kommunizierten, keinerlei nationales
Bekenntnis, sich in der 11-Uhr-Messe in der „deutschen Kirche“ zu treffen.
Sprachgebrauch war für sie, wie es scheint, kein ‚nationales Emblem‘, der Gang
in die „deutsche“ Kirche nur religiöses Bekenntnis und die Messe eben ganz prag-
matisch ein Treffpunkt. Für jede Postkarte, wie jene in Abb. 1, die nationale Ge-
brauchsspuren zu erkennen gibt, lässt sich also immer mindestens ein (und poten-
tiell viele) Gegenbeispiel(e) finden: nämlich Postkarten, anhand derer nationale
Indifferenz, religiöse Bekenntnisse, selbstverständlicher Sprachkontakt und zwei-
sprachige Kommunikationsweisen aufgezeigt werden können.
POSTKARTENINHALTE: BLICKE IN DEN ALLTAG
WÄHREND DES ERSTEN WELTKRIEGES
Auch für eine spezifische sozialhistorische Fragestellung zu einem ganz bestimm-
ten Zeitraum können Postkarten in größeren Mengen eine wertvolle Quelle sein.
Als Beispiel sei nun die Zeit des Ersten Weltkrieges thematisiert. Zum einen kön-
nen über Kriegspostkarten staatsnaher Produzenten die gewünschten Narrative
‚von oben‘ rekonstruiert werden, wie der Krieg von seiner idealtypischen und
glorreichen Seite darzustellen versucht wurde.18 Zum anderen können aber insbe-
sondere sozialhistorische Aspekte des Krieges durch Postkarten in den Fokus ge-
rückt werden, was im Folgenden anhand einer einzelnen Postkarte dargestellt wer-
den soll. Aus Platzgründen wird hier nur ein Beispiel besprochen; täte man dies
18 Vgl. dazu Walter Lukan, „Die Kriegspostkarte Österreich-Ungarns im Ersten Welt-
krieg: Ausgewählte Beispiele zum Leitthema ‚Staat und Provinz‘“, in: Ulrike Tischler-
Hofer (Hg.), Provincial Turn. Verhältnis zwischen Staat und Provinz im südöstlichen
Europa vom letzten Drittel des 17. bis ins 21. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2017, S. 145-
188; Joachim Bürgschwentner, „War Relief, Patriotism and Art: The State-Run Produc-
tion of Picture Postcards in Austria 1914–1918“, Austrian Studies 21 (2013), S. 99-120.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen