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Der Quellenwert handschriftlicher Spuren auf Postkarten | 97
Geschickt wurde die vorliegende Karte aus Bukovci (dt. Puchdorf), einem kleinen
Dorf bei Ptuj/Pettau nach Wien. Das Datum auf dem Poststempel ist leider unle-
serlich, die benutzte Briefmarke mit dem Seitenporträt von Franz Joseph I. wurde
aber erst 1908 ausgegeben. Nachdem die Karte keine Hinweise auf ihre Verwen-
dung in der Kriegszeit enthält (wie z. B. den Stempel „Militärzensur“), kann sie
deshalb auf den Zeitraum zwischen 1908 und 1914 datiert werden. Die Postkarte
wurde mit Feder und Bleistift in eher ungeübter Handschrift und die quasi-
deutschsprachige Adressierung wurde in lateinischen Buchstaben geschrieben.23
Die Handschrift wirkt ungeübt, also nicht wie die Handschrift einer Person, die
beruflich ständig und viel schreibt. Dass Ana nicht besonders schreibkundig und
des schriftlichen Deutschen nur beschränkt mächtig war, erkennt man an der pho-
netischen Schreibung deutscher Wörter in der Adressierung: Alserštrase ('Strasse')
und Vien ('Wien').
Auch die Arbeitsmigration vom Land in die größeren Städte wird in der Adres-
sierung sichtbar: Die slowenische Cilika war offenbar als Köchin oder Küchenge-
hilfin in Wien angestellt, ist also für die Arbeit in die Reichs- und Residenzstadt
gezogen. Solche Zeugnisse einfacher Menschen, die der Arbeit wegen in größere
Städte gezogen waren, oftmals Frauen, die im Dienstleistungssektor oder als
Hausangestellte ihren Lebensunterhalt verdienten, findet man häufig. Über Post-
karten hielt Cilika mit ihrem Zuhause Kontakt. Ihre Schwester schrieb ihr vermut-
lich aus der gemeinsamen Heimatregion; der Poststempel macht klar, dass die
Karte im Bezirk Ptuj/Pettau abgeschickt wurde. Wie man sich dieses ländliche
Zuhause vorstellen kann, verrät die Bildseite der Postkarte: Männer, Frauen und
Kinder posieren, offenbar in eher alltäglicher Kleidung, vor dem lokalen Gast-
haus. Auf der Hausfassade des Gasthauses Korenjak hinter den Ästen ist die An-
schrift des Gasthauses zu erkennen, zu lesen ist das Wort gostilna ('Gasthaus'). In
der öffentlichen Sphäre dieses Ortes war also das Slowenische präsent, was in der
Untersteiermark vor allem in den ländlichen Regionen der Fall war, während in
den Städten häufiger das Deutsche den öffentlichen Raum dominierte.
Aus der inhaltlich vielleicht banal wirkenden Grußbotschaft an die Schwester
in Wien kann man auch allerlei Interessantes herauslesen, wie z. B. den Umstand,
dass Anas Dienstgeberin in Graz auf einem einmonatigen Krankenhausaufenthalt
23 Lateinische Lettern in handschriftlichen Texten der damaligen Zeit aus gemischten slo-
wenisch-deutschen Gebieten signalisieren übrigens meistens einen slowenischen Urhe-
ber, egal in welcher Sprache der Text verfasst wurde. Grundsätzlich war nämlich für
deutsche Texte die Kurrentschrift üblich; Slowenisch schrieb man allerdings stets mit
lateinischen Lettern. Findet man also in diesem Zeitraum Handschriften in deutscher
Sprache mit lateinischen Buchstaben, stammen solche in der Regel von slowenischen
Schreibern.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen