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104 | Theodor Domej
Unter Vielsprachigkeit wird ein Nebeneinander zweier oder mehrerer überwie-
gend einsprachiger Gruppen verstanden.6 Zwei- oder mehrsprachig ist eine Ge-
sellschaft dann, wenn sich große Bevölkerungsteile oder annähernd alle zweier
oder mehrerer Sprachen bedienen können. Um die Jahrhundertwende war ein er-
heblicher Teil der Südostkärntner Bevölkerung noch slowenisch einsprachig oder
nur ansatzweise zweisprachig. Dabei spielten die Variablen Alter, Geschlecht,
Wohnort, berufliche Tätigkeit und Bildungsstufe eine Rolle. Die in Kärnten unter
Slowenen (und vor allem unter Deutschen, soweit sie über Slowenischkenntnisse
verfügten) am meisten verbreitete Form der Zweisprachigkeit war die Diglossie.
Für eine Diglossiesituation ist charakteristisch, dass sich deren Angehörige nicht
in allen Bereichen des privaten, beruflichen und öffentlichen Lebens in den Spra-
chen, die sie für ihre kommunikativen Handlungen einsetzen, gleich souverän aus-
drücken können, wobei die Mängel der Ausdrucksfähigkeit Folgen der sprachli-
chen Sozialisation im privaten, schulischen und beruflichen Bereich sind. Deutsch
und Slowenisch hatten in Kärnten nicht nur ein unterschiedliches Prestige, son-
dern, was den konkreten Sprachgebrauch betraf, ein unterschiedlich ausgebildetes
Profil der Sprachvarietäten. Kompetent zweisprachig (im Slowenischen von der
territorialen Mundart bis zur Standardsprache, im Deutschen von der regionalen
Umgangssprache bis zur Standardsprache) waren in der Regel nur diejenigen
Kärntner, die das Slowenische während der Primärsozialisation im Familienkreis
erlernten, dann eine höhere Bildungsstufe erreichten und während ihrer Studien
die slowenische Sprache nicht vernachlässigten, sondern im außerschulischen Be-
reich ihre Sprachkenntnisse vertieften. Nur in seltenen Fällen eigneten sich die
Kinder beide Sprachen simultan an, denn in der Regel stand bei den zweisprachi-
gen Personen der Erwerb der slowenischen Sprache zeitlich an erster Stelle. Der
territorialen Variante des Deutschen (besonders den städtischen Mundarten von
Klagenfurt und Villach) haftete das Merkmal einer sozial höheren Sprachvarietät
an, die slowenischen Dialekte hingegen galten als Sprache der bäuerlichen Bevöl-
kerung und der ländlichen Unterschichten. Dieses unterschiedliche Sprachpres-
tige, das von der sozialen Schichtung getragen und gestützt wurde, erwies sich für
die slowenische Sprache als hinderlich, als im gesellschaftlichen Leben die
Schriftlichkeit vordrang und diese allmählich die meisten Lebensbereiche um-
fasste.
In den Schulen Südostkärntens spielte die Vermittlung der deutschen Sprache
(und Schriftlichkeit) eine zentrale Rolle. Ein Wesenszug des Kärntner Schulwe-
sens (spätestens ab Inkrafttreten des Reichsvolksschulgesetzes von 1869) war,
6 Gemeinsamer europäischer Rahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen. Kapitel
1. Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen in seinem politischen und bildungs-
politischen Kontext. https://www.goethe.de/Z/50/commeuro/103.htm (11. 01. 2020)
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen