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Wie die Nadel im Heuhaufen | 105
dass ein Qualitätsmanagement für den slowenischen Teil des Volksschulunter-
richts fehlte. Im Landesteil mit überwiegend slowenischsprachiger Bevölkerung
stand bei den Lehrpersonen und der Schulaufsicht primär der Zuwachs an
Deutschkenntnissen im Fokus. Für den Bevölkerungsteil mit Slowenisch als Mut-
ter-/Erstsprache (ob er nun einsprachig oder zweisprachig war, spielte keine ent-
scheidende Rolle) bedeutete das, dass er wegen der herrschenden Sprachenpolitik
die slowenische Schriftsprache in ihrer mündlichen und schriftlichen Form nicht
oder nur rudimentär aktiv beherrschte, da es nicht zu den Bildungszielen der
Pflichtschulen gehörte, diese den Schülerinnen und Schülern slowenischer Mut-
tersprache zu vermitteln. Die Schule baute, soweit es um die slowenische Sprache
ging, keine Brücke von der Alltagssprache zur Bildungssprache. Sie wies den slo-
wenischen territorialen Mundarten nur eine Hilfsfunktion bei dem Projekt zu, den
Kindern die deutsche Sprache zu vermitteln. In den meisten Teilen Kärntens, in
denen die slowenischsprachige Bevölkerung dominierte, herrschte das System der
sogenannten utraquistischen Schule vor, ohne dass diese allerdings dem Namen
voll gerecht geworden wäre. Denn es handelt sich dabei um einen Schultyp, in
dem die slowenische Sprache, die Erstsprache der allermeisten Kinder, die deut-
lich untergeordnete Unterrichtssprache darstellte. Eine Volksschule besucht zu ha-
ben – auch wenn sie utraquistisch war – bedeutete also noch lange nicht, Slowe-
nisch lesen, geschweige denn schreiben gelernt zu haben oder gar de facto richtig
erlernt zu haben.
Diese Sprachenpolitik schloss an einigen Schulen Beschämung von Schüle-
rinnnen und Schülern ohne ausreichende Deutschkenntnisse mit ein. Das Begeh-
ren, Slowenisch als gleichrangige oder vorwiegende Unterrichtssprache zu ge-
brauchen, wurde ab 1848 zunächst vorwiegend von denjenigen abgelehnt, die es
im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit eigentlich hätten verwenden müssen, um
ihre beruflichen Pflichten erfüllen zu können. Unter ihnen waren auffallend häufig
Beamte, Lehrer und Gemeindesekretäre, aber auch Personen, die auf regionaler
und lokaler Ebene als Träger von Innovationen im Wirtschaftsleben auftraten. Als
es nach 1860 zur Demokratisierung des politischen Lebens kam, wurde die Lan-
despolitik, mancherorts auch die Kommunalpolitik, zunehmend deutschnational
ausgerichtet. Die öffentliche Meinungsbildung, sofern sie von den deutschnatio-
nalen Medien und anderen Meinungsmachern bestimmt wurde, strich die Bedeu-
tung des Deutschen als Vermittlungs- und Weltsprache hervor und deklassierte
das Slowenische zur nutzlosen, auf den lokalen Bereich beschränkten Kleinstspra-
che. Zudem wurde die slowenische nationalpolitische Bewegung mit dem Makel
einer von Krain aus geführten feindseligen und nationalistischen Einmischungs-
politik versehen. Selbst die slowenische Schriftsprache wurde als krainerische
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen