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112 | Theodor Domej
nur beschränkt eingreifen, am ehesten (und häufigsten) mit Streichungen oder Zu-
sätzen im nichtstandardisierten Teil, etwa beim Ortsnamen.
Zum Untersuchungsgegenstand ist auch noch generell anzumerken, dass sich
nur Bruchteile der schriftlichen Kommunikation bis in die heutigen Tage erhalten
haben. In noch größerem Umfang als Ansichtskarten sind im Lauf der Zeit Kor-
respondenzkarten und Briefe entweder mit Absicht entsorgt, aus Ignoranz ver-
nichtet worden oder aus Nachlässigkeit verkommen. Inhaltlich haben die erhalte-
nen Briefe in der Regel mehr zu bieten als Korrespondenz- oder Ansichtskarten.
Nicht selten finden sich sogar auf den erhaltenen Ansichtskarten Hinweise, dass
der vertiefende Informationsaustausch über wichtige Dinge in Briefform oder
mündlich erfolgte. Oft verführten nur die Abbildung auf der Ansichtskarte und die
Sammelleidenschaft den Adressaten (und seine Nachkommen) dazu, diese aufzu-
bewahren. Jetzt tragen bildliche und schriftliche Zeugnisse aus längst vergange-
nen Tagen dazu bei, dass wir einen flüchtigen Blick auf das damalige Geschehen
werfen können. Noch dazu ist eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Ansichts-
karten als historischer Quellengattung15 jüngeren Datums und genießt Berücksich-
tigung hauptsächlich im Rahmen von Untersuchungen zur Regional- und Lokal-,
vielleicht noch Kulturgeschichte und auch das noch in erster Linie als illustratives
Material oder zur Behübschung einschlägiger Publikationen.
Der Ansichtskartenmarkt blieb nicht ganz von der nationalen Ideologie und
anderen weltanschaulichen und politischen Bewegungen verschont. Diesen Strö-
mungen konnten oder wollten sich weder die unterschiedlichsten politischen La-
ger noch die Verschleißstellen entziehen, einige entdeckten in derlei Produkten
sogar eine sprudelnde Einnahmenquelle. Nationale Kampfvereine mischten auf
dem Ansichtskartenmarkt ebenfalls mit offener und verdeckter Agitation mit.
Bald nach Einführung der Korrespondenzkarte wurde die Adressseite als Wer-
befläche für politische Propaganda und Botschaften entdeckt. Bezeichnender-
weise geschah es in engster Verbindung mit den Nationalitätenkonflikten. Staatli-
che Behörden sahen sich gezwungen, mit Verordnungen einzuschreiten. Eine die-
ser Verordnungen von nachhaltiger Bedeutung erließ am 28. November 1885 das
Handelsministerium und hatte dabei die von Privaten aufgelegten Korrespondenz-
karten sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht im Visier. Darin hieß
es:
„Laut der Verordnung vom 12. Dezember 1884 müssen die durch die Privatindustrie her-
gestellten Korrespondenzkarten in ihrer Form den von der Postverwaltung aufgelegten Kor-
15 Rudolf Jaworski, „Alte Postkarten als kulturhistorische Quellen“, Geschichte in Wis-
senschaft und Unterricht, 51, 2000, Heft 2, S. 88-102.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen