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130 | Theodor Domej
ANSICHTSKARTEN ALS MITTEL DER POLITISIERUNG
UND IDENTITÄTSPOLITIK
Ob Ansichtskarten für Propagandazwecke herangezogen wurden, lag oft an einer
Kombination von nationalpolitischer Orientierung und Bildungsstufe des Schrei-
bers. Katholische Geistliche slowenischer Orientierung schrieben bevorzugt An-
sichtskarten mit slowenischen Aufdrucken. So war auch das Milieu von Bedeu-
tung, in dem wechselseitig Ansichtskarten geschrieben wurden (zum Beispiel Mit-
glieder verschiedener nationaler Vereine untereinander). Da die ländliche Bevöl-
kerung sowie die Arbeiterschaft und das Dienstpersonal in den Märkten und Städ-
ten nicht zu den klassischen Ansichtskartenschreibern zählten, finden sich dort
weniger Beispiele, die man in die Kategorie nationaler Ansichtskarten einordnen
könnte.
Es gab unter der Bevölkerung Kärntens sowohl Milieus, die vom nationalen
Gedanken stark beeinflusst waren, als auch solche, die noch in einer weitestge-
hend vornationalen Welt lebten. Zu den ersteren gehörten Honoratioren ein-
schließlich der Beamten, Lehrer und Priester, zu den anderen viele, die bis 1907
eine mindere Form des Wahlrechts hatten, ebenso die meisten Frauen, die im po-
litischen Leben noch keine besondere Rolle spielten, da sie bis Ende der Habsbur-
germonarchie ohne Wahlrecht blieben. Gerade das Wahlrecht war also dafür aus-
schlaggebend, dass einige Bevölkerungsgruppen stärker im Fokus nationaler Agi-
tation standen als andere.
Letztlich bleibt die Frage nach der Anzahl der in Kärnten in Umlauf gekom-
menen slowenischen Ansichtskarten nur ansatzweise beantwortet. Sicher ist, dass
sie selbst in jenem Landesteil, der um die Jahrhundertwende eine große slowe-
nischsprachige Mehrheit aufwies, eine relativ seltene Ausnahme blieben. Nur für
einen kleinen Teil der Ortschaften gab es zeitweise eine slowenische Ansichts-
karte, für einige wenige war es mehr als eine Ansichtskarte, in ganz wenigen Fäl-
len sind mehr als fünf dokumentiert. In Relation zu den deutschsprachigen An-
sichtskarten waren die slowenischen also sehr selten. Es gab in Kärnten oder au-
ßerhalb der Kärntner Landesgrenzen keinen Verleger, der den Kärntner Ansichts-
kartenmarkt systematisch mit slowenischen Ansichtskarten beliefert hätte. Offen-
sichtlich war auch die Nachfrage nach solchen zu gering, sowohl von den mögli-
chen Auftraggebern vor Ort als auch von den Käufern. Eine der wichtigsten Ziel-
gruppen der Ansichtskarten waren Touristen. Sie bildeten aber in ihren Kärntner
Aufenthalts- oder Durchfahrtsorten eine Parallelgesellschaft, der es zwar wohl
weitestgehend gleichgültig war, in welcher Sprache die Aufdrucke auf Ansichts-
karten waren, aber sie griffen doch am liebsten nach denjenigen mit Aufdrucken
in der im Staat dominanten Sprache.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen