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Laibach, Lemberg, Czernowitz | 149
hatte; in der Folge wurden bei Solidaritätsbekundungen in Ljubljana drei Slowe-
nen erschossen.19 Der größere politische Kontext für diese heftigen Nationalitä-
tenkonflikte war die Annexion Bosniens in diesem Jahr. Die Annexion schürte vor
allem auf deutschnationaler Seite die Befürchtungen, dass damit einer Slawisie-
rung der Monarchie und einer Stärkung jugoslawistischer und trialistischer Ideen
Vorschub geleistet würde. Die antislawische – und das heißt in Ljubljana antislo-
wenische – Propaganda auf deutschnationaler Seite in Presse und Öffentlichkeit
war demnach gerade 1908 besonders scharf und richtete sich v. a. gegen sloweni-
sche liberale Politiker wie den oben erwähnten Bürgermeister Ivan Hribar; die
Stimmung war entsprechend aufgeladen.20 Am 20./21. September 1908 wurde im
Zuge dieser politischen Spannungen das Laibacher Kasino – ein schon seit länge-
rem symbolisch ‚deutscher‘ Ort, also eine Art Kontrapunkt zum unweit davon ge-
legenen Narodni dom – zur Zielscheibe slowenischer Protestaktionen. Um die
deutsche Opferrolle zu betonen, machte der Deutsche Schulverein in der Folge
diesen Vandalenakt zu einem Postkartenmotiv. Auf einer zweiten, hochformati-
gen Karte mit diesem Motiv werden sogar die zertrümmerten Fenster der Fassa-
denwand straßenseitig präsentiert. Allein die Tatsache, dass beide mir bekannten
Karten nicht gelaufen sind und mir keine versendeten derartigen Karten bekannt
sind, deutet allerdings auf eine doch begrenzte Resonanz dieses Zwischenfalls auf
der Ebene der Postkarten hin, auch wenn diese Vorfälle von 1908 der Anlass für
die Herausgabe nationalistischer Spendenmarken (slow. narodni kolki) beider Sei-
ten wurden.
Der Blick auf nur wenige Postkarten Laibachs zwischen 1896 und 1918 zeigt,
dass hier sehr wohl die beiden Volksgruppen bis auf wenige Episoden friedlich
koexistierten und dass diese Stadt – im Unterschied zu den drei untersteirischen
Städten und nicht zuletzt dank der Tätigkeit des slowenischen Bürgermeisters –
einen unbestritten slowenischen Charakter trug, wenn auch das Deutsche als Spra-
che der interethnischen Kommunikation in vielen Bereichen (Zeitungen, Hoch-
kultur usw.) unübersehbar vorhanden war.
19 Vgl. z.B. den Bericht im „Slovenski narod“ vom 21.09.1908, S. 1, zitiert nach
http://www.dlib.si/stream/URN:NBN:SI:DOC-QDFU5OKI/b6a6bad3-6bc8-4117abb1
-3f390161a346/PDF (11.01.2020).
20 Vgl. dazu Janez Cvirn, Trnjavski trikotnik. Politična orientacija Nemcev na Spodnjem
Štajerskem (1861-1914), Maribor 1997, S. 315-318.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen