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172 | Heinrich Pfandl
beispielsweise als Czernowitzer Ruthene, die erzbischöfliche griechisch-ortho-
doxe Residenz meiner eigenen Glaubensgemeinschaft immer mit ihrem deutschen
Titel erlebe, werde ich weniger geneigt sein, sie in meiner eigenen Sprache zu
benennen, als wenn diese Bezeichnung, durch welche Medien auch immer, täglich
in meinem Lebensbereich in meiner Muttersprache verstärkt würde. Dasselbe gilt
für die Czernowitzer Herrengasse, den Ringplatz oder die Siebenbürgerstraße,
deren ruthenische (rumänische, polnische) Bezeichnungen mir sicher nicht geläu-
fig sind, schon deshalb, weil die Straßennamen nur in deutscher Sprache affichiert
wurden. Vom Bahnhof oder der (im Übrigen: deutschen) Universität ganz zu
schweigen.
Nach diesem komparatistischen Streiflicht erweist sich die Postkarte also alles
in allem als ein Abbild der ökonomischen und politischen Macht- und nicht der
bestehenden Sprachverhältnisse, und damit als ein Medium, das einerseits den
herrschenden Sprachen und Ethnien die Möglichkeit gibt, sich deutlicher zu posi-
tionieren und bezüglich ihrer Zugehörigkeit unentschlossene Individuen und
Gruppen auf ihre Seite zu ziehen. Andererseits bietet sie gleichzeitig eine Chance
für nicht-dominante Gruppen, sich und ihre Weltsicht auf den Karten in ihrer ei-
genen Sprache zu platzieren, oft sogar nur ihre Existenz zu dokumentieren und
damit für die Außenwelt (und, wie hier versucht wurde zu zeigen: auch für die
Nachwelt) sichtbar zu machen. Die Vielschichtigkeit der Parameter, die es bei ei-
ner Analyse der Verhältnisse in einer historischen Umbruchphase dieses Ausma-
ßes in einem multiethnischen und mehrsprachigen Umfeld zu bedenken gilt, mag
rein quantitative Rückschlüsse auf die dargestellte Welt in ihren Schlussfolgerun-
gen problematisch erscheinen lassen. Hier erweist sich die Postkarte als ein aus-
sagekräftiges Medium, um anhand von qualitativen Fallstudien die der auf ihr ab-
gebildeten Wirklichkeit zugrundeliegende Komplexität adäquat darzustellen und
nachvollziehbar zu machen.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen