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180 | Tjaša Jakop
Dialektal beeinflusst ist auch das Fehlen einer femininen Dualform in einem Kar-
tentext, der ansonsten in einem standardisierten Slowenisch an eine Laibacher
Lehrerin verfasst ist – „bi se morebiti kaj videle“, statt der Form videli.12
Auf einer ebenso aus Celje/Cilli abgesandten Karte hinterlässt die Phonetik
des Dialekts Spuren, wenn die Schreiberin ausführt: „Pa nisem nič zadolvolna“
('Bin ich aber überhaupt nicht zufrieden').13 Für standardslow. zadovoljna steht
hier der Lautreflex des Savinja-Dialektes, in dem lj > l geworden ist, während das
velarisierte ĺ sich zu einem Mittelzungen-l entwickelt hat.14 Einen ähnlichen Fall
beobachten wir im Individualtext einer Karte, die aus Vojnik/Hochenegg zwi-
schen 1908–1916 nach Mureck geschickt wurde – hier erweist sich der Schreiber
ebenso als Sprecher der Mundart des Sanntals/Savinjska dolina, wenn er in „z ve-
likim potrplenjem“ ('mit großer Geduld') den Zusammenfall von lj > l verschrift-
licht.15
Eine Besonderheit dieses Teils der Steiermark ist das gelegentliche Fehlen des
Ausfalls des Halbvokals in schwacher (unbetonter) Stellung, wie wir es auf einer
Karte aus Loka pri Žusmu/Laak nach Ljubljana sehen: „To je Gajšekovo po-
sestvo“ ('Das ist das Gut der Gajšeks').16 Derartige Formen findet man noch heute
zuhauf auf Grabsteinen (z. B. „Gajšekovi“). Dass es sich dabei nicht bloß um eine
dialektale Besonderheit, sondern um eine regionale Norm handelt, davon zeugt
eine weit verbreitete Ansichtskarte der Zeit, welche den 100. Geburtstag des in
der Steiermark geborenen Bischofs Anton Slomšek kommemoriert und die mit
„Ob stoletnici Slomšekovega rojstva“ intituliert ist.17 Denselben Erhalt des Halb-
in: Karin Almasy, Eva Tropper: Štajer-mark. Der gemeinsamen Geschichte auf der
Spur: Postkarten der historischen Untersteiermark = Po sledeh skupne preteklosti:
Razglednice zgodovinske Spodnje Štajerske 1890-1920, Bad Radkersburg 2018
(= Wissenschaftliche Schriftenreihe des Pavelhauses, Bd.19), S. 148.
12 Gelaufen 1914 von Celje/Cilli nach Ljubljana/Laibach, vgl.: https://gams.uni-graz.at/
o:polos.290
13 https://gams.uni-graz.at/o:polos.2036
14 Vgl. Tjaša Jakop, „Tipologija samostalnikov moškega spola v srednjesavinjskem
narečju“, Annales: anali za istrske in mediteranske študije, Series historia et sociologia,
2016, Jg. 26, Nr. 4, S. 647–654, hier: S. 648.
15 Vgl. https://gams.uni-graz.at/o:polos.173
16 Vgl. https://gams.uni-graz.at/o:polos.1021
17 In der Online-Datenbank finden sich zwei Exemplare dieses Postkartenmotivs: eine
1900 nach Admont gelaufene Postkarte sowie eine 1908 aus Ljubljana/Laibach gelau-
fene, vgl.: https://gams.uni-graz.at/o:polos.158 und https://gams.uni-graz.at/o:po-
los.3621
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen