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das BiBElcompEndium dEs pEtrus Von poitiErs
Codex, eine historische Sammelhandschrift, in der das Compendium mit ande-
ren Texten als der Historia scholastica kombiniert wurde, entstand im Augusti-
ner-Chorherrenstift Klosterneuburg; der relevante Teil der Handschrift stammt aus
der Zeit um 1330.48 Der zweitgenannte Band befand sich ursprünglich in der Stifts-
bibliothek der Zisterze Aldersbach westlich von Passau; er wird um 1300 datiert.49
In Cod. 364 wurde die Genealogie, vermutlich aus Gründen der Übersicht-
lichkeit, auf fast doppelt so viele Seiten kopiert wie in den älteren Exemplaren,
wodurch sich eine andere mise en page ergibt. Darüber hinaus wurden zwei zusätz-
liche biblische Personen bildlich hervorgehoben und die vier Medaillons, die für
Gottvater und die Stationen aus dem Leben Christi stehen, mit ikonographisch
abweichenden Darstellungen versehen. Im Übrigen entspricht das klar aufgebaute
Compendium dieser Handschrift jedoch jenem in Linz; man beachte insbesondere
die exakt übereinstimmende Form der zur Genealogie gehörenden Schemata.
Auch die Tugenden- und Lasterdiagramme wurden in dem aus Klosterneuburg
stammenden Cod. 364 nach dem Baumgartenberger Modell gezeichnet – wobei
man lediglich vergaß, die Blätter des Baums der Tugenden als aufstrebend wiederzu-
geben. Die arbores in Cod. 364 gehen nur insofern über die entsprechenden Schema-
ta in Cod. 490 hinaus, als ihre Knospen kolorierte Federzeichnungen umrahmen.50
Beim Übertragen der Weltdarstellung nahm sich der Klosterneuburger Illumi-
nator wiederum die Freiheit, die mit Wassergefäßen ausgestatteten Figürchen, die
ihn als Personifikationen von Winden offenbar nicht überzeugten, in solche von
Paradiesflüssen umzudeuten, und halbierte daher ihre Zahl. Die Hörner beließ er
jedoch, und vor allem vermied er es, die ursprünglichen Namen der Winde, also
das Geschriebene, zu verändern (vgl. Anm. 55). Dafür erneuerte er die Ikonogra-
phie seines Kosmosbildes auch dahingehend, dass er die Hauptwinde als Jünglinge
darstellte und den Fußschemel Christi zur Bundeslade umdeutete.
Das Arkadenschema des Cod. 364 schließlich (p. 33), das wiederum genauestens
seinem Pendant in Linz entspricht, wird von Textzeilen begleitet, die sich auf der
Rückseite des Blattes (p. 34) fortsetzen. Die Linzer Handschrift enthält an dieser
Stelle zwar keinen Text, dafür tauchen hier exakt dieselben Verse in derselben Rei-
henfolge am Schluss der Historia scholastica auf (foll. 178v–179r).51 Das Baumgar-
tenberger Exemplar des Compendiums (Linz, Cod. 490) muss demnach auch als
direkte Vorlage der in Klosterneuburg entstandenen Handschrift (Wien, Cod. 364)
gedient haben.52
48 Volldigitalisat unter: http://data.onb.ac.at/rec/AC13960886. Zum Codex siehe beson-
ders Roland, Cod. 364 (zit. Anm. 2).
49 Zur Handschrift siehe Béatrice Hernad, Clm 2660. In: Die gotischen Handschriften
deutscher Herkunft in der Bayerischen Staatsbibliothek. Teil 1: Vom späten 13. bis zur
Mitte des 14. Jahrhunderts. Mit Beiträgen von Andreas Weiner. Wiesbaden 2000 (Ka-
talog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München;
Bd. 5,1), S. 77 f. (Kat. 121).
50 Sie zeigen den Sündenfall (Alter Adam) und den auf einem Regenbogen thronenden
Christus als Weltenrichter (Neuer Adam).
51 Siehe künftig Hranitzky, Cod. 490 (zit. Anm. 2). Die ersten vier Versgruppen finden
sich auch in Lyon, Ms. 445 (fol. 213v) und München, Clm 2660 (fol. 217v) sowie, von
anderer Hand als dem Schreiber ergänzt, in Wien, Cod. 378 (f. 204r; siehe hierzu die in
Anm. 41 angekündigte Studie); siehe auch Anm. 60.
52 Dies nimmt schon Roland, Cod. 364 (zit. Anm. 2), S. 259 an. Hinzuweisen ist hier auch
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken