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das BiBElcompEndium dEs pEtrus Von poitiErs
Petrus Comestor genannt, die in vielen Punkten mit der ursprünglichen Version des
Cod. 378 übereinstimmt (Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. lat. 16943).63
Diese erste Fassung der Heiligenkreuzer Handschrift Cod. 378 aber hat ein anderer
Schreiber als der Kopist des Fließtextes nachträglich durch marginale und interli-
neare Ergänzungen und Korrekturen an eine Redaktion angeglichen, die jener der
Baumgartenberger Handschrift Cod. 490 entspricht.64
Schlussfolgerung
Die diagrammatische Erweiterung des Compendiums im Linzer Codex, die die
soteriologische Implikation der Geschichte der Menschwerdung Christi besonders
hervorhebt, wurde offensichtlich (entgegen einer früheren Vermutung der Auto-
rin)65 nicht nur innerhalb des Zisterzienserordens tradiert. Zwar stammen drei der
insgesamt fünf bekannten Codices, die dem bewussten Typus entsprechen (Linz,
Cod. 490, Wien, Cod. 378 und München, Clm 2660) tatsächlich aus Zisterzien-
serklöstern. Die beiden anderen bisher entdeckten Exemplare vom „Typ Baum-
gartenberg“ (Wien, Cod. 364 und Lyon, Ms. 445) gelangten jedoch jeweils aus
einem Augustiner-Chorherrenstift an ihren heutigen Aufbewahrungsort. Bemer-
kenswert ist, dass das Exemplar aus Baumgartenberg nicht nur – wie es scheint
– zur Komplettierung der Handschrift aus der Zisterze Heiligenkreuz, der das Stift
Baumgartenberg unterstellt war, ausgeliehen wurde, sondern auch für die Abschrift
des Werks von Petrus von Poitiers, die offenbar für das Augustiner-Chorherrenstift
St. Florian bestimmt war. Des Weiteren überrascht es, dass das ca. 80 Jahre nach
der Baumgartenberger Handschrift entstandene Compendium aus Klosterneuburg
nicht etwa auf dem mutmaßlichen St. Florianer Codex basiert, sondern ebenfalls
auf dem Band aus der oberösterreichischen Zisterze, und dass man umgekehrt in
Aldersbach zu Beginn des 14. Jahrhunderts nicht das letztgenannte Exemplar, son-
dern dasjenige aus St. Florian kopierte.
Die Klöster, in deren Bibliotheken sich die genannten Handschriften befanden,
liegen alle in unmittelbarer Nähe der Donau – mit Ausnahme von Heiligenkreuz,
das aber durch den Orden mit Baumgartenberg verbunden war. Ihre geographische
Lage, ihre Nähe zu einem der wichtigsten Wasserwege Europas, könnte demnach
beim Transfer des besprochenen Ausstattungstypus eine größere Rolle gespielt ha-
ben als ihre jeweilige Ordenszugehörigkeit.66
Vorläufig offenbleiben muss bei aktuellem Forschungsstand, ob es sich bei dem
Linzer Codex, auf den alle anderen bisher bekannt gewordenen Exemplare des
„Typs Baumgartenberg“ offenbar letztlich zurückgehen, um die „Urhandschrift“
dieser Version des Compendiums handelt, ja ob vielleicht sogar der bislang nicht
63 Digitalisat der 1183 in Corbie entstandenen Handschrift unter: https://gallica.bnf.fr/
ark:/12148/btv1b10543247v.
64 Siehe hierzu künftig die in Anm. 41 genannte Untersuchung.
65 Hranitzky, Diplomarbeit (zit. Anm. 3), S. 66–68.
66 Immerhin ist der Benediktinerorden in dem beschriebenen Handschriftenkonvolut
nicht vertreten. Allerdings können aufgrund der geringen Zahl der erhaltenen Exempla-
re vorläufig keine endgültigen Aussagen über die Verteilung des „Typs Baumgartenberg“
auf die monastischen Orden getroffen werden.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken