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dušan Buran
telalterlichen Kunst, die 1937 in der Prager Burg stattfand, restaurierte Bohuslav
Slánský das Kreiger Tabernakel und Wagner wiederholte im Ausstellungskatalog
seine bis dahin geäußerten Überlegungen zur Symbiose von norditalienischen
und französischen Elementen in diesem Werk. Darüber hinaus ging er auf den
ungewöhnlichen Typus des Altaraufsatzes ein, den er als zwischen einem archa-
ischen Baldachinaltar und einem moderneren Retabel stehend ansah.5 Später klas-
sifizierte er ihn als „frühen Typus eines Flügelaltars aus Krig“, den er ‒ angesichts
der von ihm vermuteten späten Entstehungszeit um 1340 wenig überraschend –
mit Blick auf den Entwicklungsstand der Bildhauerei für ein rückständiges Werk
hielt, das jedoch in Mitteleuropa einmalig war und unter italienischem Einfluss
stand.6
Mittlerweile war das Tabernakel auch von deutscher Seite diskutiert worden.7
Erich Wiese schlug vor, dass unter dem Baldachin ursprünglich nicht die zu diesem
Zeitpunkt dort platzierte Skulptur einer unbekannten Heiligen, sondern ein heili-
ger Nikolaus stand (Bratislava, Slowakisches Nationalmuseum – Historisches Mu-
seum, UH 154)8 und polemisierte gegen den von Wagner betonten Bezug zur ita-
lienischen Kunst: Er reihte die Reliefs „ganz in die westeuropäische Kunstübung“
ein und führte als Vergleich das Dreifigurengrab Ernst des Gleichen in Erfurt an.
Darüber hinaus schlug er eine frühere Datierung um oder kurz nach 1300 vor, was
das Kreiger Werk „zum vielleicht frühesten bisher bekannten Schreinaltar“ machen
würde.9 Zu den wenigen ungarischen Forschern, die sich mit dem Tabernakel be-
fassten, gehörten László Gerevich und Dénes Radocsay, die in den Reliefs Analo-
gien zur französischen Kathedralplastik sahen, und Antal Kampis, der eine Datie-
rung in das späte 13. Jahrhundert wagte.10
Die bis dahin ausführlichste Untersuchung führte Anton Glatz für den Samm-
i nedávne. Výber z diela Vladimíra Wagnera, hg. von Fedor Kresák, Bratislava 1972,
S. 15–41, hierzu S. 22–24).
5 Umění na Slovensku – odkaz země a lidu, hg. von Karel Šourek, Praha 1938, S. 23 (Vla-
dimír Wagner), Abb. 335–338. Im Essay datiert Wagner das Werk um 1330, an anderer
Stelle wird im Zusammenhang mit einer knappen Beschreibung (S. 28, wohl von einem
anderen Autor) um 1320 als Entstehungszeit angegeben.
6 Vladimír Wagner: Vývin výtvarného umenia na Slovensku. Bratislava 1948, S. 26.
7 Oskar Schürer / Erich Wiese: Deutsche Kunst in der Zips. Brünn / Wien / Leipzig 1938,
S. 180, Kat. No. 172.
8 Vgl. Gotické umenie z bratislavských zbierok. Ausstellungskatalog, hg. von Anton C.
Glatz, Bratislava 1999, S. 62–63 (Anton C. Glatz). Der Autor hielt die Statue für eine
Kopie aus dem 17. Jahrhundert.
9 Schürer / Wiese, Deutsche Kunst (zit. Anm. 7), S. 180.
10 László Gerevich: A felvidéki szobrászat stilusfejlődése. In: Szépművészét 2 (1941), S. 299;
Antal Kampis: Art in Hungary. Budapest 1966, S. 77; Dénes Radocsay: A közepkóri
Magyarország faszobrai. Budapest 1967, S. 21, 186. – Eine knappe Zusammenfassung
ungarischer und slowakischer Forschung zum Kreiger Schreinaltar bietet auch das von
Ernő Marosi herausgegebene Überblickswerk zur ungarischen Kunst im Mittelalter Ma-
gyarországi Művészet 1300–1470 körül, Budapest 1987, Bd. 1, S. 342–343 (János Eisler).
Nach einer kurzen Beschreibung wird die noch romanische Formgebung der Reliefs
herausgearbeitet, mit Hinweis auf Verbindungen zur italienischen Kunst. Der Gesamt-
aufbau des Altars wird hingegen mit der in Ungarn auf breiterer Ebene rezipierten For-
mensprache der französischen Gotik in Zusammenhang gebracht.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken