Page - 191 - in Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
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das taBErnakEl aus krEiG
Die Figuren haben jeweils einen gemalten roten Heiligenschein, dessen Rand
eine einfache Bogenreihe ziert (Abb. 4–6). Der Heiligenschein auf der Rückwand
des Schreins ist größer, im Übrigen aber annähernd identisch angelegt. Er gehörte
zu der davor aufgestellten Madonna, deren Gestalt noch in der sich nach oben
verjüngenden Form der Farbaussparung zu erahnen ist.
Das Formvokabular der Flügel und des Schreins erscheint auf den ersten Blick
einheitlich: Die Figuren stehen jeweils unter einem spitzen Kleeblattbogen, ähnlich
dem flacher angelegten Bogen, der den Giebel des Schreins trägt, dessen Schmal-
seiten vergleichbar aufgebaut sind. Die Ornamentik der Flügel und des Baldachins
wird von gemalten rundbogigen Fenstern sowie Drei- und Vierpässen dominiert.
Doch gibt es auch Unterschiede, die die Vermutung aufkommen lassen, dass es sich
um Bestandteile unterschiedlicher, wenn auch zeitnah angefertigter Altäre handelt,
die erst in Zweitverwendung zusammengefügt worden sind. Im Prinzip sind es drei
Aspekte, die in diese Richtung deuten: die vom Giebel des Baldachins abweichende
Form der Flügel, die zwar perfekt verschließbar sind, doch den Baldachin-Giebel
nicht restlos abdecken (Abb. 18); die Farbkombination aus Weiß, Schwarz und Rot,
die für den Baldachin verwendet wurde und mit der auf Rot, Grün und Schwarz
abgestimmten Farbigkeit der Flügel kontrastiert (Abb. 1, 7, 8); das weiße Rankenor-
nament auf den rahmenden Seitenleisten des Schreins (Abb. 8), das auf den Flügeln
nicht vorkommt. Während man die kleineren Unstimmigkeiten auf die arbeitstei-
lige Herstellung in einer Werkstatt zurückführen kann, ist demnach bei der Re-
konstruktion der ursprünglichen Intention und möglicher späterer Veränderungen
Vorsicht geboten. Bis weitere naturwissenschaftliche Analysen vorliegen, müssen
diesbezügliche Fragen offenbleiben.45
Wovon man aber mit guten Gründen ausgehen kann, ist die ursprüngliche Auf-
stellung einer thronenden Madonna in der Mitte des Schreins. Neben dem Heili-
genschein und der Form der Farbaussparung an der Rückwand sprechen auch vier
Löcher für diese These, die als Spuren einer ehemaligen Befestigung der Skulptur ‒
vermutlich mit dünnen Dübeln46 ‒ interpretiert werden können. Sie befinden sich
am unteren Rand sowie ungefähr auf der Höhe einer Sitzbank. Eine Fotomontage
mit einer wohl aus Süddeutschland stammenden sedes sapientiae in der Sammlung
der Slowakischen Nationalgalerie zeigt, wie dies ausgesehen haben könnte (Abb. 9).
Die gedrehten Säulen des Tabernakels sind eine Rekonstruktion, die auf einem
Fragment der linken Säule beruht, von der ungefähr das obere Drittel erhalten ist
kumentiert, siehe Tångeberg, Mittelalterliche Holzskulpturen (zit. Anm. 42), S. 32–41;
zum weiteren Kontext vgl. auch Peter Tångeberg: Retabel und Altarschreine des 14. Jahr-
hunderts. Schwedische Altarausstattungen in ihrem europäischen Kontext. Stockholm
2005.
45 Die Forschung an dem Kreiger Tabernakel wird noch fortgesetzt. Weitere Erkenntnisse
aus der C14-Radiokarbonanalyse sind von Peter Barta, Philosophische Fakultät der Co-
menius Universität in Bratislava, zu erwarten. Es wurden Stichproben sowohl vom Holz
der Flügel, der Reliefs und des Schreins, als auch von den Textilien vom Baldachin und
von einem der Flügel gemacht. Darüber hinaus ist die Untersuchung der chemischen
Zusammensetzung der Pigmente geplant.
46 Die Position dieser Löcher und ihre Abstände stimmen nicht mit denen auf der Rück-
seite der Skulptur des heiligen Nikolaus überein, die nachträglich unter den Baldachin
– wohl ohne Befestigung – gestellt wurde, wo sie sich noch im frühen 20. Jahrhundert
befunden hat (vgl. Anm. 8). Abb. 4: wie Abb. 1, heiliger Petrus
(Detail)
Abb. 5: wie Abb. 1, heiliger Paulus
(Detail)
Abb. 6: wie Abb. 1, weibliche
Heilige mit Palmzweig (Detail)
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken