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dušan Buran
Hälfte des 14. Jahrhunderts).63 Die Ordnung der Fläche mithilfe architektonischer
Formen war jedoch keinesfalls nur Dekoration. Ihre Bedeutung hat vielleicht am
treffendsten Oleg Grabar beschrieben: „Images of architecture […] were shown to
be unusually rich in their variants, but also psychologically and emotionally active
as protectors of the holy and of the valuable; organizers into hierarchies, and glori-
fiers of the powerful, the rich, or the significant.“64
Schlussbemerkung: Funktion und überregionaler Kontext
Ohne ins Detail gehen zu wollen, sei am Ende noch die Frage nach der Nutzung
des Tabernakels aus Kreig gestellt. War es tatsächlich konstruiert worden, um das
Schließen und Öffnen anlässlich der Fastenzeit bzw. der Kirchenfeste zu ermög-
lichen, wie man, ausgehend von den spätgotischen Flügelaltären, vermutet hat?
Oder handelt es sich hier um eine Projektion späteren Gebrauchs, der für das ältere
Tabernakel noch keine Rolle spielte?
Die schmucklosen Rückseiten der Flügel sorgen dafür, dass das Kreiger Taberna-
kel im geschlossenen Zustand nur geringe visuelle Präsenz in einem Kirchenraum
beansprucht (Abb. 18). Man hat vielmehr den Eindruck, dass seine wichtigste Auf-
gabe darin bestand, die Skulptur in seinem Inneren zu schützen, gleichsam den
Blicken der Gläubigen temporär zu entziehen. Umso wirkungsvoller konnte dann
bei festlichen Gelegenheiten die von wichtigen Heiligen begleitete Gottesmutter
in Szene gesetzt werden. Dank der Forschungen von Peter Tångeberg und Andrea
Fried sind wir verhältnismäßig gut über die Funktionen der skandinavischen, ins-
besondere der schwedischen Altarschreine des 13. und 14. Jahrhunderts informiert.
Von dort gibt es besonders viele Baldachinaltäre, die eine Madonna oder die Skulp-
tur eines anderen Heiligen beherbergen, sodass auch sie eher wie das Behältnis für
ein kostbares Kleinod wirken und ihre Funktion nicht mit jener der späteren Al-
täre vergleichbar scheint.65 Tatsächlich wurden die konstruktiven Elemente der Al-
tarschreine, die seltener erhalten blieben als die zugehörigen Madonnen, mehrfach
überarbeitet, um sie den veränderten Funktionen anzupassen ‒ wie das auch beim
Kreiger Tabernakel der Fall ist, dessen letzte dokumentierte Mittelstatuen zudem
ganz offensichtlich nicht zu seinem originalen Programm gehörten.
In diesem Zusammenhang erscheint es sinnvoll, die frühen Altarschreine den
zeitgenössischen Elfenbeintriptychen (oder -polyptychen) französischer Herkunft
63 Zu Wandmalerei in Sillein siehe Dušan Buran: Nástenné maľby v Kostole sv. Štefana v
Žiline. In: Pamiatky a múzeá 59 (2010), S. 14–19 (mit älterer Literatur); zu Pudlein siehe
Togner / Plekanec, Stredoveká nástenná maľba (zit. Anm. 15), S. 246–253 (mit Literatur).
Die beiden Freskenkomplexe wurden übermalt, teilweise stark. Dennoch lassen sich
besonders für die Pudleiner Wandmalereien (um 1350?) den architektonischen Motiven
des Kreiger Altarschreins verwandte Formen nachweisen, wie zum Beispiel die Klee-
blattbögen der Gewölbeschilder im Chorabschluss, einschließlich der kleinen Fenster
und Rosetten (ebd., Abb. S. 248–249, 252).
64 Oleg Grabar: Mediation of Ornament. Princeton 1989 (The A. W. Mellon Lectures in
the Fine Arts 40), S. 228.
65 Tångeberg, Mittelalterliche Holzskulpturen (zit. Anm. 42) und Fried, The Swedish Ma-
donnas (zit. Anm. 55).
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken