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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
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209 distanz und nähE dEs hEiliGEn Rückgriffe: Elemente liturgischer Prachthandschriften Aber beginnen wir erst einmal mit den Verbindungen zu den Prachteinbänden: Zugespitzt könnte man sagen, dass der Einband des Bamberger Psalters hier einen Weg „back to the roots“ einschlägt. Denn die beiden auffälligsten Merkmale, die klappsymmetrische Gliederung von Vorder- und Rückseite und die Gegenüberstel- lung des erwachsenen Christus mit einem Buch und der Gottesmutter mit dem kleinen Christus auf dem Schoß (Abb. 3–4) erinnert an die ältesten Beispiele der Gattung, die Elfenbeineinbände der Spätantike (Abb. 9–10).20 Schon bei diesen ging es darum, über eine formale Parallelisierung der thronenden Figuren von Ma- ria und Christus eine enge inhaltliche Verschränkung herauszuarbeiten. Im Zen- trum dieser Analogie stand das Tragen von Kind und Buch: Das Marienbild rief in Erinnerung, dass Christus das in Maria Fleisch gewordene Gotteswort war (Joh 1,13). Das Christusbild stellte dem das Gotteswort gegenüber, das Buch, also heilige Schrift geworden war.21 Visuell sehr wirkungsvoll wurde damit auf das Entspre- chungsverhältnis von „Fleischwerdung“ und „Buchwerdung“, von Inkarnation und „Inlibration“ Christi hingewiesen. Im Evangelienbuch als dem zentralen Schrift- stück der Messliturgie sollte man sich Christus ebenso körperlich präsent vorstellen wie in der konsekrierten Hostie. Die Bamberger Buchdeckel übertragen dieses Konzept vom Evangelienbuch auf den Psalter – ein Vorgang, der in der christlichen Auslegung des Psalters als Äqui- valent zu den Evangelien vorgezeichnet war.22 Schon der kleine Christus auf dem Rückdeckel hält ja ein kleines Schriftstück in Gestalt einer goldenen Buchrolle in der Hand. Auf dem Vorderdeckel ist daraus ein „ausgewachsenes“ Buch in Form eines Codex mit ebenfalls goldener Hülle geworden.23 Absolut einzigartig ist die Idee des Malers, dieses Buch in die Horizontale zu kippen und die Finger Christi so auffällig mit einer der beiden Schließen spielen zu lassen – zweifellos eine Auf- forderung an die ersten Besitzerinnen des Psalters, das ebenfalls mit zwei Schlie- ßen zusammengehaltene, goldglänzende Buch in ihren Händen als einen irdischen 20 Vgl. Jean-Pierre Caillet: Remarques sur l’iconographie Christo-Mariale. Des grands dip- tyques d’ivoire du VIe siècle. Incidences éventuelles quant à leur datation et origine. In: Spätantike und byzantinische Elfenbeinbildwerke im Diskurs, hg. von Gudrun Bühl / Anthony Cutler / Arne Effenberger, Wiesbaden 2008 (Spätantike – Frühes Christentum – Byzanz. Kunst im ersten Jahrtausend. Studien und Perspektiven 24), S. 17–29. 21 Vgl. Ganz, Buch-Gewänder (zit. Anm. 1), S. 45–46, 211–218; ders.: Inlibration. Buch- werdung und Verkörperung in einem frühmittelalterlichen Evangeliar. In: Übertragung – Bedeutungspraxis und „Bildlichkeit“ in Literatur und Kunst des Mittelalters, hg. von Franziska Wenzel / Pia Selmayr, Wiesbaden 2017 (Imagines Medii Aevi 39), S. 25–46. 22 Zur Deutung des Psalters als der zentralen Christusprophetie vgl. Schreiner, Der Psalter (zit. Anm. 5), S. 10–15. Zum Psalter als prophetischen Äquivalent der Evangelien, in denen das Leben Christi dargestellt wird, vgl. Thomas Lentes: Text des Kanons und Heiliger Text. Der Psalter im Mittelalter. In: Der Psalter in Judentum und Christentum, hg. von Erich Zenger, Freiburg i. Br. 1998 (Herders Biblische Studien 18), S. 323–354, hier: S. 331–334. 23 Wichtig in diesem Zusammenhang, dass der Adler des Johannes, dessen Evangelienpro- log die Grundlage der christlichen Theologie des Wortes war („Im Anfang war das Wort. […] Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Joh 1,1.14), als einziges Evangelistensymbol ebenfalls in Gold ausgeführt ist.
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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Title
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Author
Christine Beier
Editor
Michaela Schuller-Juckes
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-21193-8
Size
18.5 x 27.8 cm
Pages
290
Categories
Geschichte Chroniken
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