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daVid Ganz
einzufügen, um so den himmlischen „Thronstaat“45 um Christus zu komplettieren.
Auf dem Vorderdeckel des Bamberger Psalters geht es nicht um eine Illustration
einzelner Gebetstexte. Vielmehr wird die Person vergegenwärtigt, welche die ersten
Besitzerinnen des Psalters stets bei ihren Gebeten im Blick haben sollten: den im
Himmel erhöhten Christus im vollen Glanz seiner Majestät. Die um Christus ver-
sammelten Engel forderten sie zum Gotteslob auf und verdeutlichten ihnen, dass
Christus bei aller Nähe, in der sie ihn auf dem Buchdeckel schauen durften, einer
fernen himmlischen Sphäre angehörte.
Eine Sonderrolle nimmt dabei ganz offenkundig Michael ein, der mit seinem
Lanzenstoß in den Rachen des unter ihm liegenden Drachen die Statik der übrigen
Figuren durchbricht. Michaels Sieg über die Verkörperung des Bösen verleiht der
Vorderseite des Einbands den stärksten psalterspezifischen Akzent: Die Hoffnung
auf Schutz vor Feinden, Krankheiten, Tod etc. war eine starke Motivation für das
Psaltergebet, wie an den volkssprachigen Gebetsanweisungen deutlich wird, die
vielfach in hochmittelalterliche Psalterien eingetragen wurden.46 Nicht von unge-
fähr war genau die Michaelsszene häufig dem Beginn von Psalm 51 zugeordnet:
„Was rühmst du dich der Schlechtigkeit, der du mächtig bist durch Unrecht? Den
ganzen Tag hat deine Zunge Ungerechtigkeit ersonnen, wie mit einem scharfen
Rasiermesser hast du List ausgeübt.“47
Maria und ihre Propheten: Der Rückdeckel
Die Idee, den Einband zur Einladung für Gebete vor dem Buch zu machen, ist
auch für den Rückdeckel maßgeblich (Abb. 4). Hier sind die Eckfelder mit Re-
präsentanten des Alten Testaments besetzt: oben der Erzpriester Aaron und der
Prophet Jesaja, unten der Prophet Ezechiel und König Salomo. Der gemeinsame
Nenner für die Zusammenstellung der Gruppe wird an den Gegenständen deut-
lich, die die Männer halten oder vorweisen: Der ergrünte und aufgeblühte Stab,
der die Erwählung Aarons zum Priester anzeigt (virga Aaron, Num 17,16–28); die
aus der „Wurzel“ des Stammvaters Jesse (dem Vater König Davids) ausgetriebene
Pflanze, die Jesaja als ein prophetisches Bild für die Zukunft der Sippe Davids
verwendet (virga de radice Iesse, Jes 11,1–3); die Pforte im Osten des Tempelbezirks,
die Ezechiel in seiner großen Vision des Tempelbezirks schaut: Sie muss verschlos-
sen bleiben, nachdem der Herr durch sie eingezogen ist (porta clausa, Ez 44,1–3);
schließlich der Brunnen, der mit seinem Wasser die in den Gärten gepflanzten Blu-
45 Ebd., S. 260.
46 Vgl. Ernst Hellgardt: Deutsche Gebetsanweisungen zum Psalter in lateinischen und
deutschen Handschriften und Drucken des 12. bis 16. Jahrhunderts. Bemerkungen zu
Tradition, Überlieferung, Funktion und Text. In: Deutsche Bibelübersetzungen des
Mittelalters. Beiträge eines Kolloquiums im Deutschen Bibel-Archiv, hg. von Heimo
Reinitzer / Nikolaus Henkel, Bern 1991 (Vestigia Bibliae 9/10), S. 400–413; Schreiner,
Der Psalter (zit. Anm. 5), S. 33–36; Wolf, Psalter und Gebetbuch (zit. Anm. 5), S. 152–
155.
47 Hieronymus, Biblia sacra Vulgata 3 (zit. Anm. 40), S. 272. Vgl. Frank O. Büttner: Der
illuminierte Psalter im Westen. In: Büttner, The Illuminated Psalter (zit. Anm. 10),
S. 1–106, hier: S. 24.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken