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stadt wird es eine Option gewesen sein, einen Psalter zu importieren, ebenso er-
scheint das Engagement auswärtiger Buchmaler nicht ausgeschlossen.30 Doch sollte
auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass man sich die Psalmen selbst
abschrieb, mit den textgliedernden Rubriken und Initialen versah und vielleicht
auch mit ornamentalem und figürlichem Buchschmuck ausstattete. Zumindest für
einige Arbeiten scheint die These, dass sie außerhalb eines gewerblich bedingten
Wettbewerbs entstanden sind, naheliegend (Abb. 1, 3). Das getreue Kopieren von
Vorlagen kann für einen gewissen Qualitätsstandard gesorgt haben und würde zu-
gleich die große Ähnlichkeit der Kompositionen untereinander erklären. Auf eine
andere mögliche Quelle gestalterischer Kompetenz machen die Miniaturen in Clm
2640 aufmerksam, deren von gemusterten Flächen getragene Kompositionen an
die Ästhetik anspruchsvollerer Stickereien erinnern (Abb. 10).
Fragt man nach Kristallisationspunkten für eine gewerbliche Handschriftenher-
stellung, deutet eine Anmerkung in den Akten des Generalkapitels der Domini-
kaner in Trier von 1249 in eine mögliche Richtung. Dort heißt es: „Weiter sollen
sich die Brüder keine Psalter oder andere Schriften schreiben lassen von Nonnen
oder anderen Frauen“ (Item fratres non faciant sibi scribi psalteria vel alia scripta
per moniales vel alias mulieres).31 Das Verbot erklärt weniger als man sich wünscht:
Weder sind Gründe angegeben, noch findet die Ausstattung eine Erwähnung. Aus
der Quelle geht jedoch hervor, dass „Nonnen oder andere Frauen“, gerade jene
Personengruppe also, die selbst Psalter benötigte oder wünschte, in die Buchher-
stellung, namentlich in das Abschreiben von Psaltern, involviert war, und zwar
in einem Ausmaß, das die Ordensoberen der Dominikaner dazu veranlasste, das
Verbot auszusprechen. Parallel zur Herstellung für den eigenen Bedarf – oder von
dieser ausgehend – scheinen sich Kapazitäten für eine gewerbliche Buchproduktion
entwickelt zu haben.
Die formale und qualitative Diversität, die die Mehrzahl der Psalter für Laien
kennzeichnet, spricht dagegen, dass sie als Massenware in einem Arbeitsprozess ent-
standen sind, der von der Schreibarbeit bis zur Ausstattung durchorganisiert war.
Ein offenes Zusammenspiel von Eigenleistung und im Schreiben und/oder Aus-
malen geübteren Personen – vielleicht mit organisatorischem Halt in den religiös
motivierten Frauengemeinschaften – würde das künstlerische Profil der Augsburger
Psalter besser erklären. Dessen Besonderheiten treten noch einmal schärfer hervor,
wenn man die illuminierten Handschriften aus Regensburg gegenüberstellt, die
formal enger zusammenzuschließen und eher als Arbeiten eines über längere Zeit
tätigen Ateliers anzusprechen sind.
30 Die Ausstattung durch nur vorübergehend an einem Ort tätige Buchmaler ist für die
Prachtpsalter des Adels anzunehmen, siehe Harald Wolter-von dem Knesebeck: Der
Elisabethpsalter in Cividale del Friuli. Buchmalerei für den Thüringer Landgrafenhof zu
Beginn des 13. Jahrhunderts. Berlin 2001, S. 83.
31 Akten des Generalkapitels der Dominikaner in Trier, 1249, zitiert nach Martin Steinmann:
Handschriften im Mittelalter. Eine Quellensammlung. Basel 2013, S. 362; Ausgabe: Bene-
dictus Maria Reichert (Hg.): Acta capitulorum generalium ordinis Praedicatorum. Bd. I,
Rom / Stuttgart 1898 (Monumenta ordinis fratrum Praedicatorum historica 3), S. 47. Im
Liber de instructione officialium ordinis Praedicatorum empfiehlt Humbertus de Roma-
nis Schreiber im Haus oder außerhalb zu beschäftigen, Humbertus de Romanis: Opera
de vita regulari. Joachim Joseph Berthier (Hg.), Bd. 2, Rom 1889, S. 264.
Abb. 9: Franziskus und ein
weiterer Franziskanerheiliger.
Psalterium feriatum, München,
Bayerische Staatsbibliothek, Clm
2640, fol. 18v, Augsburg, um 1260
Abb. 10: Messdarstellung mit
Stifterpaar, Hostienwunder, wie
Abb. 9, fol. 15v
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken