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4 Ökosysteme, Landnutzung & Biodiversität
desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Mitglieder fossile Überreste hinter-
lassen, die in entfernter Zukunft gefunden werden könnten. Derzeit werden die ur-
sprünglichen Arten im Fossilhorizont durch die Überreste jener Arten, deren Existenz
wir erlauben und zu unserem eigenen Nutzen befördern, ersetzt. Die Biomasse von
Broilern (für die Fleischproduktion gezüchtete Hühner) ist z.B. größer als jene aller
landlebenden, nicht domestizierten Wirbeltiere. Zukünftige Betrachterinnen und
Betrachter derzeit entstehender Fossilschichten könnten ein relativ plötzliches Auf-
treten fossiler Überreste von Hühnern und ein gleichzeitiges Verschwinden der meisten
anderen Arten erkennen (Bennett et al. 2018). Diese durch den Artenrückgang ge-
kennzeichnete Veränderung dient der Definition des Anthropozäns, das als neues Zeit-
alter das bisherige, seit der letzten Eiszeit bestehende Erdzeitalter (das Holozän) ablöst.
Der zu erwartende Artenrückgang, der mit diesem Übergang einhergeht, wird wahr-
scheinlich ähnlich hoch sein wie jener bei den bisherigen Massenaussterbeereignissen
der Erdgeschichte. Bislang fanden fünf solcher Ereignisse mit einer Reduktion der
Artenzahlen um mindestens 75% statt. Mit je 75% eher klein waren die Ereignisse
am Übergang Kreide – Tertiär vor 60 Mio. Jahren und am Übergang Devon – Carbon
vor 400 Mio. Jahren, gefolgt von ca. 80% an der Grenze des Trias – Jura vor 200 Mio.
Jahren und 86 % am Übergang Ordovizium – Silur vor 450 Mio. Jahren.
Das größte Ereignis der Erdgeschichte fand vor 300 Mio. Jahren am Ende des Perms
im Übergang zum Trias statt, als geschätzt 96% der Arten verschwanden (Barnosky
et al. 2011). Bisherige Aussterbeereignisse waren wahrscheinlich durch einen Rück-
gang der Artenzahlen im Verlauf von mehreren Hunderttausend oder Millionen Jahren
gekennzeichnet. Die derzeitige Entwicklung machte sich bereits nach zwei bis drei
Generationen des Menschen bemerkbar. Die hohe Aussterberate im Anthropozän
ergibt sich, wenn wir die Anzahl der derzeit bedrohten Arten betrachten und der Mensch
weiterhin die Auswirkungen seines Handelns ignoriert. Der Mensch scheint somit eine
sehr „effektive Katastrophe“ darzustellen, die geeignet ist, das sechste Massenaussterben
der Erdgeschichte zu verursachen. Dies stellt die derzeitige Biodiversitätskrise dar.
Die Biodiversitätskrise besteht also im Rückgang der Artenzahlen auf globaler Ebene,
aber auch im Aussterben einzelner Populationen und im Verschwinden ihrer Funktio-
nen auf lokaler Ebene. In den letzten Jahren wurde ein starker Rückgang der Biomasse
oder der Individuenzahl ganzer Organismengruppen beschrieben, z.B. bei Insekten
(Sánchez-Bayo und Wyckhuys 2019), Vögeln (z.B. Inger et al. 2015) und Säugetieren
(Ripple et al. 2019). Besonderes Aufsehen erregte die sogenannte Krefelder Studie (Hall-
mann et al. 2017), die in unter Schutz gestellten Gebieten in den letzten 30 Jahren
einen Rückgang der Insektenbiomasse um 75% zeigte. Das Wirtschaften des Menschen
führt zu einer starken Reduktion natürlicher Populationen auf Flächen, die unter
Umwelt- und Bioressourcenmanagement für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung
- Title
- Umwelt- und Bioressourcenmanagement für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung
- Authors
- Erwin Schmid
- Tobias Pröll
- Publisher
- Springer Spektrum
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- ISBN
- 978-3-662-60435-9
- Size
- 17.3 x 24.6 cm
- Pages
- 288
- Keywords
- Umweltmanagement, Bioressourcen, Nachhaltigkeit, Sustainability, Universität für Bodenkultur
- Categories
- Naturwissenschaften Umwelt und Klima