Page - 186 - in Botanik und Zoologie in Österreich - In den Jahren 1850 bis 1900
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186 A. Zahlbruckner.
Lagers gebracht, mit der Atmosphäre in Berührung kommen und sich hier
gegen das Austrocknen durch die Bildung einer derben Zellhaut schützen;
die letzteren sind Algencolonien, die ringsherum von einer kurzgliederigen,
sehr verdickten Hyphe derart umwachsen werden, dass eine pseudoparenchy-
matische Kapsel entsteht; in keinem der beiden Fälle jedoch konnte eine
Erzeugungsstelle für Gonidien erkannt werden. Durch die Deutung dieser
Organe schwenkt Zukal von den Minks'scheu Anschauungen ab und bricht
auch über den Kernpunkt der Lehre dieses Forschers den Stab, indem er
die „Mikrogonidien" als contrahierte Plasmamassen deutet, welche die Flechten-
hyphen erfüllen und zu den Gonidien in keinerlei genetische Beziehungen
zu bringen sind. Von den weiteren Resultaten der „Flechtenstudien" möge
noch hervorgehoben werden das Auffinden eigenartiger Hyphen in dem Lager
einiger Kalkflechten, deren Deutung später zu interessanten Discussionen
führte, und der Standpunkt Zukals über den Polymorphismus gewisser
Algen im Flechtenthallus, insbesondere die Anschauung, dass die Nostoc-
und Gloeocapsa-Gonidien keine selbständigen Algentypen darstellen, sondern
Abkömmlinge von Sirosiphon- und Scytonema-Arten seien. Diese letztere Be-
hauptung führte später Zukal zu einer Polemik mit K. B. J. Forsseil, dem
Monographen der Gloeolichenen, welche mit der Zurückziehung seiner Ansicht
endete. Auch über ein natürliches Flechtensystem spricht sich Zukal in
seinen „Flechtenstudien" aus und negiert die Möglichkeit eines solchen. Den
Minks'scheu Standpunkt verlassend, zeigt sich Zukal von nun an als rückhalts-
loser Bekenner der Sehwendener'sehen Lehre und nimmt jede Gelegenheit
wahr, für dieselbe eine Lanze zu brechen. Zukal betrachtete seine ,.Flechten-
studien" als keine abschliessende Arbeit; es warfen sich im Gegentheile bei
der Ausarbeitung derselben eine solche Menge von Fragen auf, dass er sich
entschloss, in einer grösseren Studie auf die Lichenen zurückzukommen. Mit
den Vorarbeiten zu einer solchen beschäftigt, brachte er inzwischen nur vor-
läufige Mittheilungen über einzelne ihm interessant dünkende Capitel; so
lenkte er die Aufmerksamkeit auf jene Organismen, die als Pilze gelegent-
lich mit Algen in Symbiose leben, ohne jedoch einen geschlossenen Thallus
zu bilden; er nennt diese Pflanzen „Halbflechten" und beschreibt derartige
Gebilde in kleineren Arbeiten (1889; 1890 und 1891); in einer anderen Mit-
theilung kommt er auf die merkwürdigen aufgeblasenen Hyphen im Lager
der Kalkflechten zurück, erkennt als erster richtig den Inhalt derselben als
fettes Oel und erklärt dieselben als Reservestoffbehälter der Lichenen. Diese
letztere Publication regte eine Reihe von Autoren zu Nachuntersuchungen an,
in welchen das Vorkommen dieser Hyphen auch für andere Arten, als bei
denen sie durch Zukal entdeckt wurden, namhaft gemacht und die Richtig-
keit der Angabe über die chemische Beschafifenheit des Inhaltes dieser Zellen
bestätigt wurde; nur in Bezug auf die Rolle, welche dem fetten Oele zu-
kommt, divergierten die Ansichten. Im Jahre 1895 schloss Zukal seine
grösste und gereifteste lichenologische Arbeit \) ab und übergab sie der
1) H. Zukal, Morphologische und biologische Untersuchungen über die Flechten. (SWA.,
math.-naturwiss. Cl. I. [Bd. CIV, 1895, S. 529—574, 3 Tat.], II. [Bd. CIV, 1895, S. 1303—1395], III.
[Bd. CV, 189G, S. 197—264.])
Botanik und Zoologie in Österreich
In den Jahren 1850 bis 1900
- Title
- Botanik und Zoologie in Österreich
- Subtitle
- In den Jahren 1850 bis 1900
- Author
- Alfred Hölder
- Editor
- K. K. ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT
- Location
- Wien
- Date
- 1901
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 14.3 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Naturwissenschaften Biologie