Page - 199 - in Botanik und Zoologie in Österreich - In den Jahren 1850 bis 1900
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SO ist es verstiiiullicli, wenn sie nicht Schule machten, wenn vielmehr die
Wissenschaft nach neuen jMethoden der systematischen Forschung und über-
haupt nach neuen Forschungsrichtungen verlangte; und das Aufkommen
solcher neuer Methoden und Richtungen charakterisiert den Eingangs
erwähnten gewaltigen Umschwung, der um die Mitte des Jahrhunderts sieh
vollzog. Der schon besprochene Verfall der systematischen Botanik am Be-
ginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist gleichbedeutend mit einer
Zeit der Erholung nach gew^altiger Leistung, des Abwartens der Entwick-
lung neuer Gesichtspunkte und Methoden, um mit diesen die Arbeit wieder
aufnehmen zu können. Ein Mangel an Verständnis für diesen Zustand sollte
bewirken, dass diese Wiederaufnahme der Arbeit sich später nur mühsam
vollzog, dass beute noch in Oesterreich, insbesondere aber im Deutschen
Reiche, nicht an dem alten Baue weitergearbeitet werden kann, sondern
mühsam von neuem aufgebaut w^erden muss.
Die neu auftauchenden Richtungen der Botanik waren insbesondere
die anatomisch-physiologische und die entwicklungsgeschichtliche.
Auch das Studium der Kryptogamen nahm einen ungeahnten Aufschwung.
Vor allem aber übten die durch Darwins berühmt gewordenes Werk: „Die
Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl'^ angeregten descendenz-
theoretischen Ideen eine gewaltige Wirkung aus, sie beeinflussten natur-
gemäss auch die vergleichende Morphologie.
Es ist ganz natürlich, dass gerade die tüchtigsten Kräfte, die sich der
Botanik widmeten, sich diesen neuen Richtungen zuwendeten, versprachen
sie doch glänzende Resultate in Hülle und Fülle; es ist aber auch verständ-
lich, dass gerade diejenigen, deren Interesse den Complex jener Fragen be-
traf, welche das Wesen der „systematischen" Botanik ausmachen, sich ein-
zelnen der neuen Richtungen zuneigten, da ja gerade von den Resultaten
derselben ein gew^altiger neuer Aufschwung der Systematik zu erwarten war.
Der zeitweise Verfall der alten, rein morphologischen Systematik war daher
eine ganz natürliche Erscheinung; bedauerlich ist aber, dass man an vielen
Orten diesen Verfall künstlich verstärkte, so dass immer mehr die für jedes
erfolgreiche botanische Arbeiten nöthige systematische Schulung zu fehlen
begann, dass immer mehr die Zahl der Botaniker zunahm, denen eine um-
fassende Kenntnis des Objectes ihrer Forschung, der Pflanzenwelt, fehlte.
Wollen wir nun kurz die Entwicklung der neuen Richtungen und
Methoden in Oesterreich und insbesondere ihre Rückwirkung auf die Syste-
matik verfolgen.
Die grossartige Entwicklung der Pflanzen-Anatomie und -Physio-
logie zu schildern, ist nicht Aufgabe dieses Abschnittes, auch die Forschungen
auf dem Gebiete der Kryptogamenkunde haben eine solche Ausdehnung
angenommen, dass es zweckmässig erschien, ihre Besprechung selbständig
vorzunehmen. Es mag hier nur hervorgehoben werden, dass gerade die
entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen Hofmeisters, u. a. betreffend
die i)hylogenetisch höchststehenden Kryptogamen, für die Systematik im
allgemeinen grösste Bedeutung erlangten, und dass naturgemäss für den
Botaniker, welcher die phylogenetischen Beziehungen der Pflanzen in ihrer Be-
Botanik und Zoologie in Österreich
In den Jahren 1850 bis 1900
- Title
- Botanik und Zoologie in Österreich
- Subtitle
- In den Jahren 1850 bis 1900
- Author
- Alfred Hölder
- Editor
- K. K. ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT
- Location
- Wien
- Date
- 1901
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 14.3 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Naturwissenschaften Biologie