Page - 221 - in Botanik und Zoologie in Österreich - In den Jahren 1850 bis 1900
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Eutwickliing- der Anatomie uiul Physiologie der Pflanzen. 221
Durch die Berufung- Wiesuers an die Wiener Universität (1873) wurde
das erste Ordinariat für Anatomie und Physiologie der Pflanzen nicht nur in
Oesterreich, sondern an Universitäten überhaupt geschaffen. Aus dem g-leich-
zeitig- von Wiesner begründeten (1884 im neuen Universitätsgebäude im
grossen Stile angelegten) pflanzenphysiologischen Institute sind im
Laufe von drei Decennien überaus viele wissenschaftliche Arbeiten hervor-
gegang-en. Eine ganze Reihe von Männern, die heute als akademische Lehrer
wirken, wie Ambronn, v. Beck, Burgerstein, Czapek, Figdor, Fritsch,
G. Haberlandt, Krasser, Mikosch, Molisch, v. Weinzierl, v. Wettstein,
haben als Assistenten oder als Eleven in diesem Institute gearbeitet. So ist
Wiesner der erste, der in Oesterreich eine pflanzenphysiologische Schule
begründete.
Die Pharmakognosie, welche einen integrierenden Theil der Pflanzen-
anatomie bildet, und die lange nur eine untergeordnete Stellung unter den
descriptiven Naturwissenschaften hatte, wurde besonders durch August v. Vogl
(geb. 1833) zu der gegenwärtigen, anerkannten Bedeutung emporgehoben. Sein
(mit Schneider) bearbeiteter Commentar zur österreichischen Pharmakopoe
(3. Aufl. 1880), seine Monographie der Chinarinden, sein anatomischer Atlas
zur Pharmakognosie (1887) und überaus viele histologische Untersuchungen
von Droguen, Nahruugs- und Genussmitteln haben Vogls Namen — der auch
der erste Doctor universae medicinae in Oesterreich war— in allen Cultur-
staaten bekannt gemacht.
Viele wichtige anatomische und physiologische Fragen in Hinsicht auf
die Landwirtschaft wurden von Friedrich Haberlandt (geb. 1826, gest. 1878)
und dessen Schülern in Angriff genommen. Die diesem Forscher eigene Sorg-
falt und Gewissenhaftigkeit bei der Prüfung wissenschaftlicher Fragen haben
seinen Arbeiten dauernden Wert verhehen. Eine Anzahl derselben ist unter
dem Titel: „Wissenschaftlich-praktische Untersuchungen auf dem Gebiete des
Pflanzenbaues" im Buchhandel erschienen.
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Wiesner hat auf Grund profunder Studien sich dahin ausgesprochen,
dass zwischen dem jetzt erkennbaren Bau der Organismen und dem molecu-
laren Gefüge eine Organisation einfachster Art liegt, die er als Elementar-
structur bezeichnet. Nach seiner Auffassung besteht der Organismus aus
kleinsten Gebilden, den Piasomen, durch deren Thätigkeit und Wechsel-
wirkung der Organismus lebt und auf deren Vermehrung durch Theilung sein
Wachsthum in erster Linie beruht. Das Plasom kann nicht wie ein Krystall
entstehen, sondern kann nur durch Theilung aus einem Plasom hervor-
gehen und vermag nur während des Wachsthums die schon gegebene Organi-
sation fortzusetzen. Nach der Piasomenlehre erscheint das Wachsthum der
Organismen und aller ihrer lebenden Theile als ein spccifischer, auf die Or-
ganisation beschränkter Process, ganz verschieden von der Substanz- und
Volumzunahme der Anorganismen. Durch die Annahme des Plasoms als wahren
Elementarorganes ist nicht nur der Organismus auf die letzte Lebeuseinheit
zurückgeführt; auch die Inhaltskörper der Zelle und ihre Derivate erscheinen
Botanik und Zoologie in Österreich
In den Jahren 1850 bis 1900
- Title
- Botanik und Zoologie in Österreich
- Subtitle
- In den Jahren 1850 bis 1900
- Author
- Alfred Hölder
- Editor
- K. K. ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT
- Location
- Wien
- Date
- 1901
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 14.3 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Naturwissenschaften Biologie