Page - 322 - in Botanik und Zoologie in Österreich - In den Jahren 1850 bis 1900
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322 H. Rebel.
rungen wurden aucli von Heinemann in seinem gründliclien Werke über
die Schmetterling-e Deutschlands und der Schweiz (1859—1877) und von P. C.
T. Snellen in seinem ausgezeichneten „Vlinders van Nederland" vielfach an-
genommen. Eine besonders weite Verbreitung und fast allgemeine Anerken-
nung gewann aber das Lederer'sche System dadurch, dass Dr. 0. Staudin-
ger und Dr. M. Wocke dasselbe fast unverändert der zweiten Auflage ihres
Kataloges der Lepidopteren der europäischen Fauna (Dresden 1871) zugrunde
legten. Demgemäss sind auch die meisten Privatsammlungen des Continents
derzeit noch nach Lederers System geordnet.
Lederer war aber nicht bloss ein hervorragender Systematiker, er war
auch ein sehr bedeutender Faunist. Er unternahm selbst grössere Sammel-
reisen nach Andalusien und Kleinasien, schickte mit grossen Geldopfern
Sammler wie Kindermann, Zach und Haberhauer auf Reisen aus und
publicierte deren wissenschaftlichen Ergebnisse. Seiner Thätigkeit als Faunist
soll noch im nächsten Abschnitte eingehender gedacht werden.
Durch die im Verein mit Ludwig Miller erfolgte Herausgabe eines
eigenen entomologischen Organs, der Wiener Entomologischen Monatsschrift
(8 Bde. 1857—1864) war Lederer in die Lage versetzt, eine reiche publi-
cistische Thätigkeit zu entfalten. Seine fortgesetzten Bücheranzeigen und ein-
gehenden kritischen Besprechungen besitzen für die Beurtheilung der damals
erschienenen Literatur einen bleibenden Wert. Lederer war auch, solange
er ein eigenes publicistisches Organ redigierte, fast unausgesetzt in literarische
Fehden verwickelt, in welche ihn sein lebhaftes Temperament und seine be-
sondere Veranlagung zur Kritik leicht hineinrissen. Namentlich mit Herrich-
Schäffer hatte er einen jahrelangen Federkrieg auszukämpfen. Jede neue
Publication Lederers hatte eine oft parteiische Besprechung Herrich-Schäf-
fers zufolge, die Lederer stets mit Glück erwiderte. Lederer war über-
haupt allen seinen zahlreichen Gegnern an gesundem Urtheil, scharfer Logik
und klarer Schreibweise weit überlegen. Dabei stand ihm auch leicht ein
kaustischer Humor zur Verfügung, den er trefflich zu handhaben wusste und
oft übermüthig und schonungslos über seine Widersacher ergoss. Trotzdem
hat er nur selten die Grenzen des guten Geschmackes überschritten.
Lederer hatte durch Ueberanstrengung seine kräftige Constitution unter-
graben und starb am 30. April 1870 im 49. Lebensjahre. Seine an Typen
äusserst reiche Sammlung paläarktischer Lepidopteren wurde ins Ausland an
Dr. Staudinger (Dresden) verkauft, dem sie bei seinen zahlreichen Publica-
tionen von grösstem Werte wurde. Bezeichnend bleibt es, dass Lederer,
„einem der ausgezeichnetsten Lepidopterologen unserer Zeit", nur in Deutsch-
land durch Prof. Zeller^) ein Nachruf geschrieben wurde.
Werden auch die Arbeiten Lederers, dem der phylogenetische Gesichts-
punkt in der Systematik noch fremd geblieben war, durch jene moderner
Autoren in ihrer Totalität verdrängt, so bleiben doch auch in der Gegenwart
genug seiner Leistungen bestehen. Auf literarhistorischem Gebiete ist sein
Andenken für alle Zeiten gesichert.
1) Stett. EZ. 1871, S. 179—183.
Botanik und Zoologie in Österreich
In den Jahren 1850 bis 1900
- Title
- Botanik und Zoologie in Österreich
- Subtitle
- In den Jahren 1850 bis 1900
- Author
- Alfred Hölder
- Editor
- K. K. ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT
- Location
- Wien
- Date
- 1901
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 14.3 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Naturwissenschaften Biologie