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Dass die Klimakrise so leicht aus dem öffentlichen Bewusstsein ver-
schwindet, liegt nicht nur an dem sehr langsamen Verlauf, sondern auch
daran, dass die Veränderungen auf den ersten Blick marginal sind. Die
Kohlendioxidkonzentration in der Luft stieg seit Beginn der Industrialisie-
rung vor etwa 200 Jahren um ca. 120 Teilchen pro einer Million Teilchen
(parts per million, ppm). Um sich diese Größenordnung zu veranschauli-
chen: 120 ppm entsprechen auf die Einwohnerzahl von Graz umgerechnet
35 Personen, während der Nettozuwachs der Stadt 2018 rund 2.500 Perso-
nen betrug.6
Der Sachverhalt der Erderwärmung und die Bedrohlichkeit der Folgen
müssen daher erst vermittelt und anschaulich gemacht werden. Ein Mei-
lenstein in dieser Hinsicht war Al Gores in den frühen 2000er Jahren ge-
startete Kampagne Eine unbequeme Wahrheit. In einer bildgewaltigen mul-
timedialen Inszenierung leistete der ehemalige US-Vizepräsident an vielen
Orten weltweit eine wichtige Aufklärungsarbeit. Weil der Klimawandel so
vielschichtig ist und zahlreiche Wechselwirkungen zwischen natürlichen
und gesellschaftlichen Vorgängen aufweist, sind die Darstellungen, Berich-
te, Stellungnahmen und Kampagnen jedoch oft kleinteilig, auf Einzelthe-
men fokussiert, lokal verankert oder an bestimmten soziokulturellen
Gruppen ausgerichtet. Zudem verfolgen die Akteure in vielen Fällen noch
weitere Interessen, die zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung das
Engagement für den Klimaschutz überlagern können. Im Ganzen erfolgen
der Informationsfluss und die Meinungsbildung bei weitem nicht so ge-
bündelt und weitgehend im Gleichklang wie im Fall der Corona-
Pandemie.
Der Klimawandel braucht daher Symbole. Beliebt ist der Eisbär, an des-
sen Beispiel sich gut veranschaulichen lässt, was es bedeutet, wenn es zu
warm wird.7 Ein ganz andersartiges Symbol ist Greta Thunberg, die gegen-
wärtig als das Gesicht der Klimaschutzbewegung angesehen werden kann.
Diese Symbole prägen aber anders als Gesichtsmasken nicht den Alltag.
Sie gehören nicht zum gewöhnlichen Tagesablauf und bestimmen nicht
den täglichen Anblick, sondern sind nur medial vermittelt. Man kann sie
daher relativ leicht ausblenden.
Eine wichtige Basis, um umfassende und tiefgreifende gesellschaftliche
Veränderungen anzugehen oder mitzutragen, ist eine emotionalisierende
Ansprache der Öffentlichkeit. Eine große Rolle spielt dabei aktuell die Be-
6 Vgl. Statistik Austria, Statistik des Bevölkerungsstandes.
7 So etwa auch bei Kinderbüchern; vgl. z. B. Hagn/Patschorke, Vom kleinen Eisbä-
ren.
Jochen Ostheimer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik