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wegung Fridays for future mit ihren sogenannten Klimastreiks, die infolge
der Pandemiebestimmungen im Internet als „Netzstreik fürs Klima“ statt-
fanden. Gleichwohl brennt der Klimawandel den Menschen nicht unter
den Nägeln, er bedroht nicht unmittelbar die Gesundheit oder das Be-
schäftigungsverhältnis und ruft daher nur bei wenigen eine akute Besorg-
nis hervor.
Die öffentliche Befassung mit den Gefahren des Klimawandels wird
nicht zuletzt dadurch erschwert, dass die Ursache-Wirkungs-Beziehungen
bei weitem nicht so eindeutig wie im Fall der Corona-Erkrankung sind.
Zwar besteht eine klare Kausalität zwischen dem Ausstoß von Treibhaus-
gasen und der Erderwärmung, nicht jedoch zwischen dem Ausstoß von
Treibhausgasen und den Folgen des Klimawandels wie wärmeren Winter-
monaten, Überschwemmungen oder Trockenheiten, Veränderungen in
der Tier- und Pflanzenwelt oder der Ausbreitung von Infektionskrankhei-
ten. Denn diese Phänomene sind immer auch durch gesellschaftliche Ent-
wicklungen bedingt. Das Verschwinden von Arten liegt beispielsweise
auch an der massiven Ausweitung von Siedlungs- und Nutzflächen und
am großflächigen Einsatz vielfältiger Mittel zur „Schädlingsbekämpfung“.
Überschwemmungen gewinnen ihre gewaltige Wirkung nicht allein durch
starken Dauerregen, sondern ebenso durch Bodenversiegelung, Abhol-
zung, Begradigung von Flussläufen oder den Bau von Wohn- und Gewer-
begebieten und Verkehrstrassen in Überflutungsgebieten. Anstelle der Ein-
deutigkeit suggerierenden Semantik von Ursache und Wirkung könnte
hier in Anlehnung an Latour von „Mittlern“ gesprochen werden. Wäh-
rend „Zwischenglieder“ Wirkungen passiv weiterleiten, entfalten Mittler
innerhalb einer Kausalkette oder genauer: innerhalb eines Kausalnetz-
werks eine eigene Wirkungsmacht.8 Dieser Umstand der fehlenden Mono-
kausalität erleichtert es in der gesellschaftlichen Kommunikation, den Kli-
mawandel und seine Folgen zu bestreiten oder zu verharmlosen. Wer hin-
gegen mit Blick auf Covid-19 das Corona-Virus als Ursache der Erkran-
kung oder das Ansteckungspotential leugnen wollte, lief Gefahr, sich lä-
cherlich zu machen.9
8 Vgl. Latour, Eine neue Soziologie, bes. 66–75; Latour, Kampf um Gaia, 126 Fn.67,
164. Vgl. als Hintergrund auch die Figur des Parasiten, der Übertragungsvorgänge
aller Art überlagert und die Beziehung zwischen Sender und Empfänger bzw. Ur-
sache und Wirkung eigendynamisch verändert, bei Serres, Der Parasit.
9 Diese Beobachtungen geben den Stand bis Mitte Mai 2020 wieder. Danach mehr-
ten sich in verschiedenen europäischen Ländern allmählich unterschiedlich moti-
vierte öffentliche Proteste gegen die Pandemiebestimmungen, die teilweise auch
die Faktizität des Krankheitsverlaufs in Frage stellten.
Einfache und vertrackte Probleme
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik