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Verhältnisse und Abläufe an die sich infolge des Klimawandels verändern-
den Umstände. Schließlich wird noch über climate engineering nachge-
dacht, die großtechnische Steuerung des Klimasystems.22
Klimaschutz im engen und eigentlichen Sinn, d. h. der Ansatz der Miti-
gation, hat das Ziel, die globalen Treibhausgasemissionen deutlich zu ver-
ringern. Dabei sind drei Wege zu kombinieren. Der Umgang mit den na-
türlichen Gegebenheiten ist erstens konsistent zu gestalten. Alle Formen
der Naturnutzung sind in die natürlichen Kreisläufe einzubetten. Es soll
also kein bleibender Abfall entstehen, sondern alle in einem Verwertungs-
prozess nicht direkt nutzbaren Stoffe sollen in anderen (organischen oder
technischen) Verwertungskreisläufen weiterverwendet werden können.23
Dementsprechend soll Kohlendioxid nur in einer solchen Größenordnung
emittiert werden, wie es von den natürlichen Vorgängen absorbiert wird.
Damit dies gelingen kann, muss zweitens möglichst effizient vorgegangen
werden. Der Ressourcen- und Energieverbrauch muss pro Nutzungsein-
heit weitestgehend minimiert werden. Ergänzt werden diese beiden Ansät-
ze durch den Weg der Suffizienz, eine kulturell und institutionell veran-
kerte Mentalität der Genügsamkeit.
Insbesondere die beiden ersten Wege, also Maßnahmen der Konsistenz
und der Effizienz, verlangen internationale Anstrengungen. Der National-
staat kann hier gerade nicht seine Handlungsfähigkeit unter Beweis stel-
len. Es sind vielmehr umfassende diplomatische Abstimmungen nötig,
und zahllose technische Details müssen geklärt werden. All dies ist wenig
spektakulär und findet daher nur eine begrenzte mediale Resonanz. Ferner
müssen die vielfältigen Schritte aufeinander abgestimmt sein, etwa der
Umstieg auf Elektromobilität und die Stromerzeugung aus erneuerbaren
Energieträgern. Der Weg der Suffizienz wiederum verlangt einen Kultur-
wandel. Ein solcher kann gerade nicht per Gesetz angeordnet und nur sehr
begrenzt durch Verwaltungshandeln oder mittels Finanztransfers initiiert
werden. Nationalstaatliches Handeln vermag mithin nicht seine eigenen
Erfolgsbedingungen sicherzustellen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele
Klimaschutzmaßnahmen dauerhaft in den Alltag eingreifen und die Ge-
sellschaft einschneidend verändern. Dabei werden sie von teils bestehen-
den, teils neuen Interessen- und Wertkonflikten überlagert,24 beispielswei-
se von der Auseinandersetzung zwischen verschiedenartigen Verkehrsteil-
22 Vgl. Ostheimer, Planetary stewardship.
23 Vgl. etwa Braungart/McDonough, Intelligente Verschwendung; Dies., Cradle to
Cradle.
24 Zur Unterscheidung mehrerer Konfliktdimensionen vgl. Aubert, Interessenkon-
flikt und Wertkonflikt; Benjamin, Splitting the difference, 12–20; Korff, Gram-
Jochen Ostheimer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik