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Justinianische Pest Mitte des 6. Jh., die die Bevölkerung im Römischen
Reich für Jahrhunderte von 75 auf 35 Millionen halbierte3. Damals war die
Umweltwirkung des Bevölkerungsrückgangs überschaubar. Heute aber,
mitten im Anthropozän, dem vom Menschen beherrschten Erdzeitalter,
wäre sie enorm. Umgekehrt kann das Klima die Ausbreitung einer Pande-
mie sehr direkt beeinflussen. UmwelthistorikerInnen vermuten, dass die
Justinianische Pest nie den Weg von China in den Mittelmeerraum gefun-
den hätte, wenn es damals nicht einen dramatischen Klimawandel hin zu
kühleren und feuchteren Bedingungen gegeben hätte, hinein in eine zwei
Jahrhunderte dauernde kleine Eiszeit4. Natürlich, das Pestbakterium ist
mit seiner komplexen Übertragungskette (vom wilden Nagetier auf die
Hausratte, von der Hausratte auf den Floh und vom Floh auf den Men-
schen) viel abhängiger von Umweltbedingungen als das Coronavirus. Aber
im Moment können wir nicht ausschließen, dass auch das Coronavirus
durch bestimmte klimatische oder jahreszeitliche Bedingungen begünstigt
wird.
Großen morphologischen Unterschieden zwischen Pandemie und Kli-
ma stehen also doch einige Kausalzusammenhänge gegenüber, die die bei-
den ungleichen Phänomene enger zusammenrücken. Das ist noch mehr
der Fall, wenn wir auf die Verbindung beider mit dem Menschen schauen.
Beide, das Virus ebenso wie die Klimaerwärmung, sind unsichtbar für den
Menschen. Sichtbar werden sie entweder über Symptome (Krankheitssym-
ptome, Gletscherschmelze, Zunahme der trockenen Sommer usw.) oder
über Messungen (Körpertemperatur, Antikörper im Blut, PCR-Test des Vi-
rus, Klimamessungen). Aber wenn Symptome auftauchen, ist es bereits
„fünf vor zwölf“, und wenn Messungen gemacht werden, tun sich viele
Menschen schwer, die Ernsthaftigkeit der Bedrohung zu realisieren. Nicht
umsonst hält in beiden Fällen ein nicht unerheblicher Anteil der Men-
schen den Alarm der Fachwissenschaften für übertrieben. Man wirft der
Politik vor, dass die KlimaforscherInnen bzw. die VirologInnen regieren
würden, nicht mehr die PolitikerInnen.
Dabei haben Corona-Krise und Klimakrise einige gemeinsame anthro-
pogene Ursachen: Die globale menschliche Mobilität ist einerseits der un-
erlässliche Transporter für Viren und Bakterien rund um den Globus und
andererseits eine der größten Quellen von Treibhausgasen. Die Ballung
großer Bevölkerungsgruppen auf engstem Raum in Megastädten ein-
schließlich ihrer Armenviertel ist einerseits eine „Virenschleuder“, anderer-
3 Kyle Harper 2020, 31 und 330.
4 Kyle Harper 2020, 36 und 359–372.
Michael Rosenberger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik