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Krisen, die keine nationalen Grenzen kennen und nur bewältigt werden
können, wenn man lange vor ihrem Höhepunkt effektive Maßnahmen
setzt. Covid-19 hat gezeigt, dass eine große Transformation über Nacht
möglich ist. Damit ist das Virus eine noch nie dagewesene Gelegenheit,
jetzt die Abkehr zu vollziehen von einem nicht an die Natur angepassten
Wachstum um jeden Preis und einer fossilen Wirtschaft hin zu einem dau-
erhaften Gleichgewicht zwischen menschlichem Wohlstand und den Be-
lastungsgrenzen des Planeten. Die Unterzeichnenden fordern die politi-
schen Führungen auf, sich umgehend gemeinsam an diese Menschheits-
aufgabe zu machen.
Der Grundgedanke, den der offene Brief mit vielen anderen Initiativen
dieser Tage teilt, ist es, die Lösung der Corona- und der Klimakrise mitein-
ander zu verbinden anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Der ohnehin
nötige Wiederaufbau der Wirtschaft birgt die Chance, vom ersten Tag an
eine neue Ausrichtung des Wirtschaftens zu fördern. Natürlich wird es da-
bei wie bei jeder Transformation Gewinner und Verlierer geben. Manche
Branchen haben im postfossilen Zeitalter keine große Zukunft. Andere
hingegen werden sich zu einer ungeahnten Blüte entwickeln. Die Wand-
lungsprozesse bringen zweifellos schmerzhafte Entwicklungen mit sich,
die es sozialpolitisch abzufedern gilt. Darüber hinaus gilt es, die globalen
Märkte neu und fairer zu ordnen. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass sich
Machtungleichgewichte im Handumdrehen ins Gegenteil verkehren kön-
nen. Südostasiatische Unternehmen, die Schutzmasken bisher zu Dum-
pingpreisen produzierten, konnten über Nacht horrende Preissteigerun-
gen durchsetzen. Zu befürchten ist freilich, dass diese nicht ihren unterbe-
zahlten ArbeiterInnen zugutekamen, sondern vom Management in die ei-
gene Tasche gesteckt wurden. Die Nach-Corona-Ordnung der Weltwirt-
schaft muss also viel entschiedener und mutiger als bisher auf eine umfas-
sende und globale Gerechtigkeit hinwirken. Ökologische und soziale Ge-
rechtigkeit gehören zusammen.
Epilog: Naturkrisen sind kein Fatum mehr
Bereits 2017 hat der US-amerikanische Historiker Kyle Harper ein Buch ge-
schrieben, das pünktlich zur Corona-Krise in deutscher Übersetzung er-
schien: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reichs7. Der
deutsche Untertitel unterschlägt bedauerlicherweise die Hälfte der Bot-
6.
7 Kyle Harper 2020. Zweieiige Zwillinge. Corona und die Umweltkrise
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik