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schaft. Statt Klima und Pandemie wird nur das Klima für das Ende des Rö-
mischen Reichs verantwortlich gemacht. Eine grobe Verkürzung dessen,
was Harper zu sagen hat.
Harper zeigt, dass die Bevölkerung im Römischen Reich ihren Höchst-
stand um die Mitte des 2. Jh. n. Chr. hatte und rund 75 Millionen Men-
schen betrug. Die Lebenserwartung der Bevölkerung im Römischen Reich
war dennoch selbst für damalige Verhältnisse außerordentlich niedrig und
lag über die Jahrhunderte relativ konstant nur bei 20 bis 30 Jahren, und
zwar bei Armen und Reichen gleichermaßen. Das war deutlich weniger als
vor und nach der Römerzeit und auch weniger als bei den Nachbarvölkern
außerhalb des Römischen Reichs. Dass die Bevölkerung über lange Zeit-
räume dennoch zunahm, lag einzig an der überdurchschnittlich hohen
Geburtenrate im Reich, die seit Kaiser Augustus staatlich gefördert wurde.
Außerdem waren die BewohnerInnen des Römischen Reichs kleiner als
ihre Nachbarn außerhalb des Reichs.
Woher kamen diese niedrige Lebenserwartung und diese geringe Kör-
pergröße? In der gesamten Zeit des Römischen Reichs gab es nie eine
großflächige Lebensmittelknappheit. Im Gegenteil, die Lebensmittelver-
sorgung war fantastisch. Das Reich war zudem geprägt von einer einzigar-
tigen Urbanisierung – es gab über tausend Städte, darunter Dutzende mit
über hunderttausend EinwohnerInnen. In den Städten lebten rund 20 Pro-
zent der Menschen, also 15 Millionen. Eine vergleichbare Blüte der Gesell-
schaft gab es bis zur Neuzeit nicht mehr. Schlüssel dafür waren einerseits
der systematische Einsatz der neuesten Technologien (die die Römer kaum
selbst entwickelten, sondern aus anderen Kulturen übernahmen und flä-
chendeckend verbreiteten) und andererseits der globale Handel (mit
einem Netz von Banken und einem ausgeklügelten Geldsystem, mit hoch-
entwickelter Transportinfrastruktur und großen städtischen Einkaufszen-
tren; ein kritischer Reflex darauf findet sich in Offb 18,11‑13).
Um 650 n. Chr. war die Bevölkerung des Mittelmeerraums jedoch von
75 Millionen auf die Hälfte geschrumpft, Rom selbst von einer Million auf
zwanzigtausend EinwohnerInnen. Es ist der größte einzelne Rückfall der
Bevölkerungszahlen in der gesamten Menschheitsgeschichte. Bisher nahm
die Geschichtswissenschaft an, dass er der „spätrömischen Dekadenz“
(Guido Westerwelle) geschuldet sei. Man dachte, die ökologischen Rah-
menbedingungen seien in dieser Epoche konstant gewesen – ein folgen-
schwerer Irrtum. Denn die umwelthistorischen Erkenntnisse der letzten
Jahrzehnte zeichnen ein völlig anderes Bild:
• Das Klima befand sich von 200 v. Chr. bis 150 n. Chr. im sogenannten
„Römischen Klimaoptimum (RCO)“: Es war mit außerordentlicher
Michael Rosenberger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik