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Konstanz warm und feucht. Auf eine sehr wechselhafte Ăśbergangsperi-
ode von 150 bis 450 n. Chr. folgte dann von 450 bis 700 n. Chr. die so-
genannte spätantike kleine Eiszeit. Es handelte sich um die kälteste
Zeitspanne des gesamten Holozäns, also der letzten 12.000 Jahre. Auf
die klimatisch gĂĽnstigste Epoche der letzten Jahrtausende folgte also
(damals noch ohne Zutun des Menschen) die klimatisch ungĂĽnstigste.
• Das sich verschlechternde Klima wurde begleitet von einer Häufung
pandemischer Infektionskrankheiten, die in der römischen Kultur idea-
le Verbreitungsbedingungen vorfanden: Auf vielbefahrenen Handels-
routen von China ĂĽber Indien nach Rom konnten sich die Erreger
wunderbar ausbreiten – und sie kamen schon damals meistens aus Chi-
na. Waren die Erreger im Römischen Reich angekommen, bildeten
dessen dicht bevölkerten Städte optimale Infektionsherde. Schließlich
trug die systematische Rodung der Wälder im gesamten Mittelmeer-
raum das Ihre bei, weil offene Flächen den Überträgerinsekten wie
Anopheles (fĂĽr Malaria) oder Floh (fĂĽr das Pestbakterium) perfekte Be-
dingungen bieten. So zählt man heute drei Pandemien: 161 bis 166 die
„Antoninische Pest“ (benannt nach dem zu Beginn regierenden Kaiser
Antoninus Pius, mit ziemlicher Sicherheit eine Pocken-Pandemie) mit
über sieben Millionen Toten, ab 249 die „Cyprianische Pest“ (benannt
nach Bischof Cyprian von Karthago, sehr wahrscheinlich eine Ebola-
Pandemie) mit zwanzig bis dreiĂźig Millionen Toten und ab 541 die
„Justinianische Pest“ (benannt nach dem oströmischen Kaiser Justini-
an, eine klassische Beulenpest) mit mindestens 35 Millionen Toten.
Der Zerfall des Römischen Reichs ist also, so Harpers Kernthese, keine
Folge „spätrömischer Dekadenz“, sondern immer größerer ökologischer
Belastungen, aus denen das Reich zunächst jeweils mit einer Reorganisati-
on hervorgeht (was seine hohe Resilienz beweist), von denen es aber lang-
fristig immer stärker erodiert wird und schließlich zerfällt. Pandemien und
Klimaveränderungen sind zweieiige Zwillinge, die bei all ihrer Verschie-
denheit den Menschen gehörig in die Schranken weisen. Harpers Buch
macht damit klar: Der „Triumph“ der Menschheit im 21. Jh. steht auf tö-
nernen Füßen. Von geschätzt einer Billion Mikrobenarten haben nur
1.400 Krankheitspotenzial für den Menschen – die anderen sind harmlos
oder sogar nĂĽtzlich. Aber die globalisierte Welt mit ihrer extrem gestiege-
nen Mobilität, den riesigen Ballungsräumen und obendrein noch der an-
thropogenen Klimaerwärmung macht die 1.400 brandgefährlich. Wir sind
den Römern näher, als wir denken.
Zweieiige Zwillinge. Corona und die Umweltkrise
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik