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Ganz schematisch könnte ich sagen, das große Problem der abendlän-
dischen Gesellschaften vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert war das
Recht, das Gesetz, die legitime und gesetzliche Herrschaft. In all den
politischen Kämpfen, die Europa bis ins 19. Jahrhundert erschütterten,
bemühte man sich, eine Gesellschaft des Rechts zu schaffen und die
Rechte des Einzelnen zu sichern. Und genau in dem Moment als man
glaubte, als z.B. die französischen Revolutionäre glaubten, eine Gesell-
schaft des Rechts verwirklicht zu haben, da geschah etwas anderes: et-
was, das zum Eintritt in eine Gesellschaft der Norm, der Gesundheit,
der Medizin, der Normalisierung führte, welche jetzt die wesentliche
Funktionsweise ist. Und genau diesen Vorgang habe ich zu analysieren
versucht.6
Im Rahmen seiner Machtanalysen bringt er in einem Gespräch eine Beob-
achtung zur Sprache, die zur Skepsis gegenüber dem Funktionieren der
modernen Normalisierungsgesellschaften Anlass gibt:
Genau zu dem Zeitpunkt, als der Staat seine größten Massaker in An-
griff nahm, begann er auch, sich um die körperliche und geistige Ge-
sundheit des Einzelnen zu sorgen. […] Dieses Spiel zwischen dem Le-
ben und dem Tod ist eine der Hauptparadoxien des modernen Staa-
tes.7
Die Überlegungen zur Biopolitik entwickelte Foucault über einen länge-
ren Zeitraum, auch wenn er diesen Begriff erst in den Jahren 1975/76 ein-
führte und verwendete. Die Ursprünge des Konzepts liegen in seinen frü-
heren Arbeiten, insbesondere im Werk Überwachen und Strafen, und in den
Analysen zu den politischen Reglements im Zusammenhang mit den gro-
ßen historischen Epidemien wie Lepra, Pest und Pocken. Mit der Einfüh-
rung des Begriffs der Biopolitik entsteht ein eigenständiges, d. h. von kon-
kreten epidemiologischen Ereignissen unabhängiges Konzept zur Macht-
und Regierungspraxis moderner Staaten, das jedoch einer Weiterentwick-
lung unterlag, vor allem durch die fortschreitende Einbeziehung der hi-
storischen Entwicklung der politischen Systeme in der Neuzeit. Zuletzt, in
seinen Analysen liberaler Regierungsrationalitäten und des homo oeconomi-
cus, verliert der Begriff der Biopolitik in seinen Arbeiten an Bedeutung
6 Foucault 1977 in einem Gespräch mit M. Osorio über das „medizinische Denken“;
Foucault, Dits, 373 u. Schriften, 483.
7 Foucault, Dits, 802. Foucault nimmt in diesem Zusammenhang Bezug auf die Na-
poleonischen Kriege und die Errichtung des Sozialismus in der Sowjetunion und
in China. Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik