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gibt davon zwei Hauptformen, die schon in der Formel vom „faire vivre et
laisser mourir“ anklingen:
a) die Relation des faire vivre, d.  h. der „biopolitischen Sorge“ (als einer
bio-psycho-sozialen Förderung) oder Solidarität (institutionell als So-
zialisierung der allgemeinen Lebensrisiken) – man kann sie als den sozi-
alhygienischen Typus bezeichnen – und
b) die Relation des laisser mourir, d. 
h. der Entsolidarisierung oder Konkur-
renz (institutionell als Individualisierung der Lebensrisiken, z.  B. durch
Wettbewerb) – man könnte sie in historischer Anlehnung den rassenhy-
gienischen Typus nennen.
Die beiden Formen begrĂĽnden zwei wesentliche biopolitische Regierungs-
techniken: jene der biopolitischen Sorge gemäß einer Solidaritätsdoktrin,
wie sie François Ewald in seiner Studie zum Vorsorgestaat (frz. L’État provi-
dence)43 detailliert untersuchte, und jene des Staatsrassismus (racism d’État
oder racism moderne), wie er von Foucault in der Vorlesung vom 17. März
1976 als Begriff und Konzept eingefĂĽhrt wurde.44 Beiden Regierungstech-
niken ist gemeinsam, dass sie ihre BegrĂĽndung in der Reaktion auf biolo-
gische Bedrohungen finden, welchen das Leben des Einzelnen oder der Be-
völkerung ausgesetzt ist. Im ersten Fall ist es eine Beziehung der Art, dass
die (hygienische oder biopsychosoziale) Sorge um den Anderen auch die
eigene Sicherheit erhöht, das eigene Leben steigert, wie auch jenes der Gat-
tung (Menschheit); es geht daher um Förderung und Solidarität im Sinne
des faire vivre. Im zweiten Fall ist es genau umgekehrt: Es geht darum, „die
biologische Gefahr zu beseitigen und die Gattung selbst oder die Rasse mit
dieser Beseitigung direkt zu stärken“, denn, so die implizite Logik, „je
mehr anomale Individuen vernichtet werden, desto weniger Degenerierte
gibt es in Bezug auf die Gattung, desto besser werde ich – nicht als Indivi-
duum, sondern als Gattung – leben, stark sein, kraftvoll sein und gedei-
hen“45. Die Darstellung dieses biopolitischen Rassismus folgt in einem zwei-
ten Schritt. Zunächst wird das Solidaritätsmodell nach der Analyse von
François Ewald, einem Mitarbeiter Foucaults am Collège de France, skiz-
ziert.
43 Ewald, Vorsorgestaat.
44 “Ce qui a inscrit le racisme dans les mécanismes de l’État, c’est bien l’émergence
de ce bio-pouvoir”; Foucault, Société, 213 u. 227f.
45 Foucault, Société, 228.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik