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in Form von Kriegen oder epidemischen bzw. pandemischen Risiken kann
so Teil einer Biopolitik der kollektiven Leistungs- und Lebenssteigerung
sein. Gerade von der Last jener, die invalid sind oder aufgrund ihres Alters
vermutlich „ohnehin nicht mehr lange zu leben haben“65, würde die Ge-
sellschaft durch die reinigende Naturkraft tödlicher Pandemien befreit
werden – so die Rationalität des Foucault’schen (Staats-)Rassismus des Krie-
ges66. Ein solches Ausliefern der Bevölkerung könnte im Verzicht auf infek-
tionsepidemiologisch indizierte und verfĂĽgbare SchutzmaĂźnahmen der
Seuchenprophylaxe (wie z.  B. Quarantäne, social distancing etc.) unter In-
kaufnahme der weiteren Verbreitung der Krankheit, insbesondere in vul-
nerablen Gruppen, bestehen.
Résumé: Pandemien können die biopolitische Polarität von übersteigerter
und fehlender Solidarität verstärken
Aus dem Gesagten ergibt sich als wesentliche Einsicht, dass im biopoli-
tisch-gouvernemental geprägten Staatswesen die Unterscheidung zwischen
Recht und Moral (heute meist als Ausdruck von „Werten“) tendenziell ver-
schwindet. Die Auflösung dieser Differenz zerstört zuletzt sowohl das (ver-
nunftbegründete) Recht als auch die Moral – beide verschmelzen im mo-
dernen Wohlfahrtsstaat zu einer „Sozialtechnik der Regierenden“, einem
„Regierungsinstrument“, wie es François Ewald in seiner Studie Der Vorsor-
gestaat formuliert.67 Die Moral wird gewissermaĂźen verrechtlicht und in
der Folge verstaatlicht, und reziprok verliert das Recht seine rationale Fun-
dierung (z. 
B. in der Vernunft oder im Naturrecht) – es wird wertbegrün-
det,68 u.  a. im Namen einer „Solidarität“, mit den damit einhergehenden
4.
65 Hier findet eine Abwertung der Lebenszeit hochaltriger Menschen einen Aus-
druck, der im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Eindämmung der
Covid-19-Pandemie gelegentlich in den Medien vorgebracht wurde.
66 „Vous avez là , en tout cas, un racism de la guerre, nouveau à la fin du XIXe siècle
[…]”; Foucault, Société, 230.
67 Vgl. Ewald, Vorsorgestaat, 472: „Und so wie das Recht dazu tendiert, zu einer
Lektion in Moral zu werden, wird all das, was moralisch gilt, auch seine rechtli-
che Gültigkeit erlangen“, denn wenn „das, was die Regierenden als nötig erach-
ten, nicht auf natĂĽrlichem Wege geschieht, wird man es zu einer gesetzlichen
Vorschrift machen. Das Recht verliert damit die WĂĽrde, die ihm aufgrund seiner
Beziehung zu Natur und Vernunft zukam, es wird zu einer Sozialtechnik“.
68 Zur Problematik der Wertbegründung des Rechts vgl. Böckenförde, Kritik, 67f.
Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik