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Wie wir mit der Krise umgehen, hängt auch stark mit unserem Weltho-
rizont, d.  h. unseren Konzeptionen von Raum und Zeit, zusammen. Diese
wiederum sind mit unserer geistigen Fähigkeit und Bereitschaft zum
Transzendieren sowie unserer Transzendenzspannweite verbunden. Der
Philosophin Hannah Arendt zufolge ist solches Transzendenzvermögen –
neben den Fähigkeiten, sich etwas vorzustellen, zu fragen, zu zweifeln, zu
reflektieren und zu unterscheiden – eine Dimension des menschlichen
Denkens.2 Der menschliche Geist muss sich nicht mit dem Gegenstand be-
gnĂĽgen, wie er ihm gegeben ist, sondern kann die reine Gegebenheit des-
sen ĂĽbersteigen, was unsere Aufmerksamkeit erregt. Der Gegenstand kann
so zum Experiment des Ichs mit sich selbst und zum Anlass werden, die
Grenzen des sinnlich Wahrnehmbaren zu ĂĽberschreiten. Dies geschieht
zwar innerhalb eines durch Sprache, Kultur und Gesellschaft vorgegebe-
nen Rahmens, aber zugleich kann dieser Rahmen dank der menschlichen
Freiheit zu denken entgrenzt werden.
Deshalb ist auch die Covid-19-Krise kein objektiv vorliegendes Faktum,
dessen Qualität oder gar Ende man an den Zahlen der am Virus Verstorbe-
nen oder am Bruttonationalprodukt ablesen könnte. Solches Denken wäre
platter positivistischer Materialismus ohne jeglichen Geist. Entscheidend
ist, ob und wie man diese Zahlen interpretiert – also mittels der zur Verfü-
gung stehenden Deutungsschemata transzendiert. Leider erwecken die in
Politik, Gesellschaft und Medien aktuell dominanten Lösungsstrategien
nicht eben einen transzendenten Eindruck. Es herrscht der Geist der Tech-
nokratie, der seinen Erfolg im Kampf gegen die Krise an Zahlen bemisst.
So kann denn auch die Covid-19-Krise auf sehr verschiedene Weise
wahrgenommen werden.3 Betrachtet man sie als eine Systemstörung, die
dann als „bewältigt“ gilt, wenn der Zustand zuvor wieder hergestellt ist –
mit den bekannten, dem System zur VerfĂĽgung stehenden Mitteln? Er-
kennt man in der Krise die Notwendigkeit oder Möglichkeit, neue, bisher
unbekannte Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, sodass sich ihr Ende an
der Erweiterung und Veränderung des Systems festmachen lässt, das Sys-
tem also gleichsam dazugelernt hat? Oder traumatisiert diese Krise das Sys-
tem dermaĂźen stark, dass dessen innere Ordnungsparadigmen selbst zur
Disposition stehen und neue Paradigmen erst gefunden werden mĂĽssen?
Eine solche Krise stellte zum Beispiel der Zweite Weltkrieg dar, der es nö-
tig und möglich machte, die Europäische Union zu gründen und deren
2 Vgl. Arendt, Das Denken, 9–240.
3 Die folgende „Krisentypologie“ ist inspiriert von den Überlegungen des Histori-
kers Jörn Rüsen; vgl. z.  B. Rüsen, Krise, Trauma, Identität, 145–179.
Regina Polak
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik