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Möglichkeit, sich auf eine Fülle von Handlungsmöglichkeiten zu beziehen
und daraus ethisch verantwortet wählen zu können. Dann birgt sie das Po-
tential grenzĂĽberschreitenden Transzendierens.
Der Blick auf die Prioritäten im Kontext der Covid-19-Pandemie zeigt
freilich, dass die Freiheit der Anderen – der Armen, der Marginalisierten,
der Flüchtlinge – nur für eine Minderheit bedeutsam ist. Zuerst wird um
die eigenen Interessen gekämpft. Selbst dort, wo z.  B. Migrantinnen und
Migranten in den Blick kommen – man denke an die ausländischen Pfle-
gekräfte oder die Erntearbeiter –, geschieht dies nicht um deren Freiheit,
sondern um der Interessen der eigenen Bevölkerung willen. So bezieht
sich der Rekurs auf Freiheit vor allem auf eingeschränkte Wirtschaftsinter-
essen und bleibt innerhalb der Systemlogik. Widerstand gegen staatliche
MaĂźnahmen zeigt sich interessanterweise auch in Milieus, die tendenziell
rechtspopulistisch sind und zu Verschwörungstheorien neigen. Zeigt sich
in deren abstrusen Theorien eine gefährliche Zerrform jener Wertespan-
nung, in der sich das GefĂĽhl der Freiheitsberaubung und der Wunsch
nach Sicherheit und Kontrolle verschränken? Auf krude Weise transzen-
dieren ausgerechnet Verschwörungstheoretiker die Situation, indem sie
diese zu interpretieren versuchen. Die technokratischen, systemimmanen-
ten Lösungen scheinen ihnen zu wenig Sinn anzubieten. Es mangelt die-
sen an Transzendenz.
Freiheit als Gabe und Aufgabe des Menschen, die je eigenen Lebens-
möglichkeiten und die der Anderen ethisch zu verantworten und damit
die je konkrete Lebenssituation auch kritisch-denkend zu transzendieren,
kommt jedenfalls in den dominanten öffentlichen Diskursen nur wenig in
den Blick. Es sind die Visionäre und Zukunftsdenkerinnen und ‑denker,
die solches im zivilgesellschaftlichen Raum versuchen, denen aber oft rau-
er Wind entgegenschlägt.20
Gesundheit versus Tod
Auch der Wert der Gesundheit birgt derzeit wenig Transzendenzpotential.
So wird z.  B. der Möglichkeit, im Covid-19-Kontext darüber nachzuden-
ken, wie man der Erfahrung von Leid, Not und Elend gerecht werden oder
einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff entwickeln kann, der auch psy-
3.2
20 In der „Presse“ und im „Kurier“ stößt man immer wieder auf Beiträge, die die
Wünsche und Ideen einer paradigmatischen Veränderung nach der Pandemie kri-
tisieren und sogar verächtlich machen.
Regina Polak
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik