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chosoziale und spirituelle Dimensionen der Krise mitbedenkt, nur in ein-
schlägigen Institutionen wie der Caritas, der Diakonie, in Qualitätsmedien
oder im marginalen Public-Health-Diskurs Raum gegeben. Alles wird in
den Dienst der Sicherung des biologischen Lebens gestellt.
Nicht ohne Grund hat Giorgio Agamben daher darauf hingewiesen,
dass das Einzige, was uns im Westen noch an Werten verbindet, das nackte
Überleben ist. Eine Gesellschaft, die nur mehr im Ausnahmezustand lebt,
kann ihm zufolge nicht mehr frei sein.21 Was drastisch klingt, lässt sich
aber mit der ausständigen Antwort auf folgende Frage belegen: Für wel-
chen anderen Wert wäre ein Land bereit, die gesamte gesellschaftliche
Ordnung über Jahrzehnte hinweg nachhaltig zu erschüttern? Der Klima-
wandel, der nach wie vor die weitaus größere Krise darstellt, führt nicht
einmal annähernd zu ähnlichen gesellschaftlichen und politischen Reak-
tionen. Solche würden einer anderen Transzendenzspannweite bedürfen.
Aus theologischer Sicht ist Gesundheit kein Terminalwert, d. h. kein
Zweck, den man um seiner selbst willen anstrebt. Vielmehr handelt es sich
um ein vorsittliches Gut, das um größerer und ethisch begründbarer Wer-
te willen zu pflegen ist, z. B. um des Einsatzes für Freiheit, Gemeinwohl,
Gerechtigkeit und Frieden willen. Aus theologischer Sicht ist der gesunde
Mensch nicht wertvoller als der kranke. Das Gut der Gesundheit ist
ethisch reflektiert in eine verhältnismäßige Relation zu anderen Gütern
und Werten zu setzen. Von solchen Debatten war freilich nur in Experten-
zirkeln zu hören.
Zum Primat der Gesundheit gehört die Angst vor dem Tod, wobei der
Kampf gegen diesen nahezu den Charakter religiöser Huldigung hat. Ge-
bannt starren wir täglich auf die Zahlen der Covid-19-Toten. Die Toten,
die infolge der Kollateralschäden im Gesundheitssystem sterben, bleiben
merkwürdig ausgeblendet (z. B. Suizide, Herzinfarkte usw.). Diese Fixie-
rung hängt eng mit der Reduktion des Freiheitsverständnisses zusammen.
Denn die Freiheit, die theologisch eben nicht nur eine Freiheit von Be-
schränkungen, sondern vor allem eine Freiheit für etwas ist, ist eng mit
dem Tod verbunden. Die Freiheit zum Leben schließt die Freiheit zum
Sterben mit ein. Dient die Freiheit nur zur Absicherung des je Eigenen,
dann wird der Tod zum ultimativen Feind. Sie verliert jegliche Transzen-
denz und der Tod mutiert zur nahezu religiösen Transzendenz als letztem
Herrscher über das Leben, der besiegt werden muss. Der Zielkonflikt, der
sich aus dieser engen Verbindung zwischen Freiheit und Tod ergibt, wird
sodann zuungunsten der Freiheit aufgelöst. Die Vorstellung von einem
21 Siehe Agamben, Nach Corona.
Transzendenzmangel in den Werthaltungen der Österreicherinnen und Österreicher
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik