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Weiterleben nach dem Tod ist sichtlich nicht stark genug, der Angst vor
dem Tod standzuhalten. So erweisen sich die aktuellen Jenseitsvorstellun-
gen als schwache Transzendenzen, besiegt von der Angst vor dem Tod. Die
Vorstellung, dass nur ein gesundes Leben ein lebenswertes Leben ist, wird
zum immanenten Transzendenzersatz.
Autoritarismus versus Demokratie
SchlieĂźlich wĂĽrgt auch der Autoritarismus das Transzendenzstreben von
Menschen ab. Versteht man unter Autoritarismus das Ablehnen von Viel-
falt, das Durchsetzen eigener Interessen mit Macht und Gewalt statt durch
Partizipation sowie das Vorrecht des Stärkeren und Erfolgreicheren, die ei-
genen Interessen durchzusetzen, dann ist Transzendenz auch gar nicht
mehr nötig. Der Andere soll ja gerade nicht als Anderer in den Blick kom-
men. Die Herrschaft des Stärkeren entlastet mich von meiner Freiheit zur
Wahl und lässt sodann auch das Denken erodieren. Autoritarismus macht
einfallslos und dumm. Viel zu gefährlich wäre das eigenständige, die
selbstverständlichen Gegebenheiten transzendierende Denken. Zugehörig-
keit und Sicherheit stehen auf dem Spiel. Deshalb fĂĽhrt selbst die Entde-
ckung, dass Regierungen Fehler gemacht haben könnten, nicht notwendig
zum Widerstand: Man mĂĽsste sich eingestehen, dass man sich im Vertrau-
en geirrt hat, und die eigene Freiheit wagen. Das Denken mutiert dann zur
Selbstrechtfertigung, aber nicht darĂĽber hinaus.
Hinzu kommt jene seltsame Versuchung und Neigung des Menschen,
in der Hoffnung auf Schutz die eigene Freiheit aufzugeben und sich ande-
ren unterzuordnen. Dieses Phänomen hat soziale und psychologische, aber
auch spirituelle Wurzeln. Denn am Ende kann auch Gott als höchste
Schutzmacht in den Blick kommen, der man sich unterwirft.
Mit der Transzendenz Gottes, wie sie in der Bibel beschrieben wird, hat
dieser Gott freilich nur sehr wenig zu tun. Er ist bestenfalls ein höchster
Gedanke, eine Idee, eine Vorstellung, die man sich aus psychohygieni-
schen GrĂĽnden ausdenken mag zum Zwecke des Trostes und der Sicher-
heit. Die lebendige Transzendenz Gottes hat aus christlicher Sicht andere
Eigenschaften. Dieser Gott ermächtigt und beruft zur Freiheit, mutet dem
Menschen Freiheit zu und verpflichtet ihn zur Wahl zwischen Gut und
Böse. Er lässt den Menschen als sein Abbild teilhaben an seinem Geist und
befähigt ihn, die eigenen Verhältnisse zu transzendieren: sie kritisch zu be-
fragen und Alternativen zu entwerfen, Visionen zu kreieren, Gesellschaft
zu gestalten entsprechend der Normen und Rechte, die er offenbart hat.
Die damit verbundene Praxis bedarf freilich in jeder Generation der Inter-
3.3
Regina Polak
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik