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baren Präsenz und seinen Wünschen, Ängsten und Obsessionen mildern,
indem sie einen Sicherheitsabstand gewährleistet. Denn der Andere wird
in einer Gesellschaft der Individuen rasch als Eindringling wahrgenom-
men, wie der Soziologe und Philosoph Georg Simmel bereits zu Beginn
des 20. Jahrhunderts in seinen Analysen des Großstadtlebens gezeigt hat.
Simmel konstatierte radikale Veränderungen im Bereich der Empfindung
und Wahrnehmung, die das individuelle und überindividuelle Seelenle-
ben in der Großstadt kennzeichnen.
Die charakteristische psychische Veränderung des modernen Individu-
ums sieht Simmel in der „Steigerung des Nervenlebens“: Die Großstadt ist
ein Kaleidoskop aus Bildern, Gerüchen, Geräuschen und Farben, die einen
unaufhaltsamen Strom von Reizen bilden, vor dem sich die Subjekte in ge-
wisser Weise schützen müssen. Der Typus des Großstädters reagiert auf die
gefühlsmäßige Überreizung also mit einem intellektualisierenden und dis-
tanzierenden psychischen Verhalten, mit Hilfe dessen er eine Barriere zwi-
schen sich und die Welt schiebt und alles filtert und neutralisiert, was
emotional nicht verarbeitet werden kann. Es geht um die Entwicklung ei-
nes ausgefeilten Systems der verstandesmäßigen Immunisierung, die mit
einer subversiven Tendenz zur Verwandlung der umgebenden Realität in
etwas „Objektives“ und damit Kontrollierbares, Messbares, Berechenbares
verbunden ist. Das Gefühlsleben wird gefiltert und einem Prozess der Er-
kaltung und Distanzierung unterworfen, was den Charakter des homme
blasé hervorbringt, einer typischen Figur der urbanen Kultur. Darin be-
steht also die paradoxe psychische Wirkung des Großstadtlebens: Die Kon-
zentration von Menschen und Dingen, die durch ständige Botschaften, In-
formationen und Bilder pausenlos das Gefühlsleben erregen, erzeugt den
Gegeneffekt einer emotionalen Kälte, der wie ein Selbstschutz die Einwir-
kung der äußeren Reize dämpft und die Subjekte für die überbordende
Realität unempfindlich macht. Die Grundhaltung der Großstadtbewoh-
ner*innen, die Simmel als „Reserviertheit“ und „blasierte Distanziertheit“
definiert, ist nichts anderes als eine alltägliche Einstellung zum Selbster-
halt des eigenen psychischen Gleichgewichts, die allerdings oft eine gewis-
se Unleidlichkeit und Aversion verhüllt.
Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek persifliert die Ambivalenz der
liberalen, toleranten Haltung, die einerseits von Offenheit und Respekt für
Andersartige, gleichzeitig aber auch von großer Angst vor Belästigung ge-
prägt ist, folgendermaßen:
„Die anderen sind in Ordnung, ich respektiere sie“, sagt der Liberale.
„Aber sie dürfen nicht in meine Privatsphäre eindringen. Wenn sie das
tun, dann belästigen sie mich – ich bin absolut für Fördermaßnahmen
Die Zärtlichkeit am Ende? Apokalyptische Gefühle in der Zeit der Unberührbarkeit
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik