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darstellen, wenn der Körper der Ansteckung ausgesetzt und dem physi-
schen und sensiblen Kontakt entzogen ist? Wie kann man einen Diskurs der
Zärtlichkeit anbieten, wenn man Angst vor der Nähe des Anderen hat?
Dennoch, wenn man den Mut hat, ohne Zynismus zu bedenken, dass
uns eine Geste der Zärtlichkeit auf die Welt gebracht und uns eine Geste
der Zärtlichkeit am Leben erhalten hat, könnte man folgern, dass nur dank
zärtlicher Gesten das eigentliche Potential des menschlichen Lebens freige-
setzt werden kann. Wie kann man die Tatsache einfach verdrängen, dass
wir ihr unser In-die-Welt-Kommen verdanken? So schwierig und hart un-
ser Auf-die-Welt-Kommen gewesen sein mag, so halfen uns doch zärtliche
Gesten, uns in der Welt zurechtzufinden. Denn die Zärtlichkeit benennt
meines Erachtens nicht einfach die Erfahrung eines vagen Gefühls der Em-
pathie oder der Nähe, sondern vielmehr die sensible Geistesgegenwart für
die Fragilität und Nöte des Anderen. Es geht um einen fundamentalen
Modus des Fühlens, der eine elementare Wahrnehmung der Endlichkeit und
der Verletzlichkeit aller Dinge ausdrückt. In diesem Sinne erfährt diese Kate-
gorie nun eine neue Lesbarkeit und Intelligibilität, denn wir sind heute
mit der reinen Ausgesetztheit des Lebens konfrontiert, die eine neue Art
unserer geteilten Fragilität offenbart.6
In erster Linie verweist eine „Zärtlichkeit des Endlichen“ daher auf das
Bewusstsein oder das Bewusst-Werden der feinen Konsistenz des Realen
und insofern auf das elementare Gefühl der subjektiven Begegnung mit
der Vergänglichkeit der Welt. Es geht um die Wahrnehmung des Endli-
chen als Bewusstsein seiner Verletzlichkeit und seines immer möglichen
Entschwindens. Unter dem Blick der Zärtlichkeit scheint das Endliche in
seiner reinen Kontingenz durch, das heißt in seinem Sein, das auch nicht
sein könnte, das zwischen Identität und Zerstreuung, zwischen Beharren
und Verschwinden, zwischen Kraft und Schwäche, zwischen Stabilität und
Vorläufigkeit, zwischen Präsenz und Absenz oszilliert. Es handelt sich hier-
bei um die Ausgesetztheit eines nicht-notwendigen Seins, das sich keine
Rechenschaft über sich selbst geben kann, sondern nur in Beziehung mit
dem Anderen wahrnehmbar wird.7
Ist nicht gerade diese ängstliche Krisenzeit eine Gelegenheit, ja sogar ein
Kairos, in welchem unser Da-Sein dem Tod gegenübersteht und sich damit
endlich an seine eigentliche Aufgabe erinnert? Denn wir entdecken gerade
im faktischen Tod des Anderen, vor allem von denjenigen, die wegen des
6 Vgl. Guanzini, Zärtlichkeit.
7 Vgl. Perone, Il soggetto della memoria, 278–289.
Isabella Guanzini
264
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik